Kurz & schmerzlos (Januar – März 2015) – CD-Besprechungen in aller Kürze

Foto: Timo Neuscheler

Natürlich gibt es immer Dinge, die wichtiger sind als Musik. Dinge, über die man nicht gerne öffentlich spricht, die einen aber doch ganz ordentlich mitnehmen, Zeit fressen – und auch jede Menge Nerven. Von den genannten Dingen, Momenten und Situationen kommen gerne auch mal ganze Haufen, zeitgleich und intensiv. Darunter leidet dann nicht nur die Qualität, sondern auch die Quantität der Rezensionen. So geschehen im letzten Zeitraum der k&s, da wird dann nächstes Mal so einiges nachkommen. Dennoch bleibt die Musik natürlich immer ein zentraler Punkt des Lebens, und auch dieses Mal konnten wir so einige Worte über CDs verlieren, die bei uns eintrudelten, es aber nicht zu einer Vollreview geschafft haben.
Die Zeiten werden wieder besser und, wer weiß, die Musik sicherlich auch mal wieder. Lest also hier nach, welche Silberlinge zwar den Weg in den Player, aber nicht auf eine Einzelseite geschafft haben. Interessant sind diese musikalischen Beiträge bestimmt auch so. Oder zumindest die sie beschreibenden Worte.

ASTRID YOUNG – "One night at Giant Rock" (out now)
(bc) Sieh mal einer an, bei dieser Dame haben wir es doch tatsächlich mit der Halbschwester von NEIL YOUNG zu tun. Der Hang zum Musikmachen scheint somit also schon mal in der Familie zu liegen, wenngleich die Kanadierin im Gegensatz zu ihrem prominenten Halbbruder noch keine großen Erfolge im Musik-Business verzeichnen konnte. Hieran wird wahrscheinlich auch das Album "One night at Giant Rock" nicht viel ändern, denn auf diesem bietet ASTRID YOUNG zwar durchaus gefällige, psychedelisch angehauchte Songwriter-Klänge, die allerdings trotz ihrer zweifelsfrei begnadeten Stimme keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen können. (5,5)
http://www.facebook.com/astridyoung

DISSONANT – "Dörpelgatz” (Label: Eigenvertrieb, VÖ out now)
(jg) Dark Metal in Eigenregie. Klingt fürchterlich, oder? Aber DISSONANT haben schon ein paar besondere Sachen am Start: Deutschsprachige Texte, die man problemlos "heraushören” kann, Casio-Synthies, Storytelling vom Mittelalter, und am Ende ist das Ganze mehr "Metal" als "Dark". Vielleicht drückt der Albumtitel "Dörpelgatz" die Herangehensweise der Band ans Musizieren ganz gut aus. Leider absolut nicht meine Baustelle, aber erfreulicherweise kein typisches 08/15-Geballer. (3)
http://www.facebook.com/pages/Dissonant/108759979188860

EASY CHAIR – s/t (Label: World In Sound, VÖ 15.12.2014)
(jg) Hui, ein Re-Issue von einer Platte aus dem Jahre 1968 haben wir hier auch nicht alle Tage im Programm. Psychedelic Rock von einer Band, die zusammen mit den YARDBIRDS, CREAM und anderen aufgetreten ist. Ein bisschen DOORS klingen in diesen drei Songs auch durch, ebenso die Leichtigkeit eines ERLEND OYE. Ach ja… das Original dieses Albums wird übrigens für mehr als 1.000 US$ gehandelt. Das Re-Issue ist nicht ganz so teuer. (6,5)

ELECTRO BABY – "Flies are happy about coyote shit" (Label: Eucalypdisc Records, VÖ 12.12.2014)
(jg) Man spürt den flirrenden Wind in der Wüste zu Beginn dieser Platte quasi direkt an seinen Waden. Zugleich stellt man fest, dass es Musikrichtungen gibt, die anscheinend nie aussterben. Zum Beispiel Blues/Stoner Rock à la ORANGE GOBLIN, TRUCKFIGHTERS, BLACK SABBATH etc. Zu meiner KYUSS-Zeit hätte ich diese Band geliebt, und die MOTORPSYCHO-ähnlichen Gitarrensoli findet man in dieser Qualität auch nur selten. Dass die Karlsruher bereits 13 Jahre auf dem Buckel haben, hört man dieser Platte an, und das meine ich keineswegs negativ. (6,5)
http://www.facebook.com/electrobaby

FROM KID – "You can have all the wonders" (Label: Sonic Service, VÖ 30.01.2015)
(jg) Wenn ich sage, dass diese Band mich sowohl an ABBY und KINGS OF CONVENIENCE als auch an die neueren JIMMY EAT WORLD erinnert, klingt das vielleicht etwas unentschlossen, jedenfalls nicht sehr homogen. Tatsächlich schaffen es die Schweizer FROM KID allerdings, ihre eigene Melange aus diesen Zutaten zu kreieren, die ziemlich melancholisch daherkommt, nicht an Pathos geizt, insgesamt jedoch etwas zu steril komponiert und produziert scheint. Gute Ideen sind aber definitiv vorhanden. (6)
http://www.facebook.com/wearefromkid

GIFTONES – "Est.2014" (Label: FinestoiseReleases, VÖ 30.03.2015)
(jg) "Give what? GIFTONES! Authentische Rock-Musik zu machen…" Heieiei… am Anfang des Bandinfos gleich alle Fehler aneinanderreihen, die möglich sind, ist auch ´ne Kunst. Dabei haben die vier Berliner durchaus ein Gespür für gutes Songwriting. Okay, über einige schiefe Töne im Gesang muss man hinwegsehen können, und es wäre schön, wenn man sich aus dem seichten Gewässer auch mal hinaus ins offene Meer wagen würde. Aber ansonsten hantieren GIFTONES schon recht gekonnt im melodischen, schön arrangierten Indie-Pop-Rock im warmen Bandsound. (6)
http://www.facebook.com/Giftonesmusic

HEINZ STRUNK – "Sie nannten ihn Dreirad" (Label: Audiolith, VÖ 30.01.2015)
(jg) Dieses Album hat mich so verstört, dass ich mich verängstigt in Heinz Strunks neue Show "Das Strunk-Prinzip" begeben habe. Eines vorweg: Ich mag Heinz Strunk als Autoren wirklich gerne, seine Bücher glänzen vor lauter Tragikomik, und seine Lesungen driften eher selten ins Alberne ab, wie man es bei Rocko Schamoni schon häufiger erleben konnte. Aber die Promo zu seiner neuen CD hätte ich vielleicht besser nicht bestellen sollen. Dadaismus in Reinform. Kunden, die diese CD bestellt haben, kauften auch: HGich.T.
Ach ja, Entwarnung, was das Strunk-Prinzip betrifft: die Show war ausgesprochen lustig! (2)
http://www.facebook.com/HeinzHeinzerStrunk

HINDSIGHTS – "Cold walls / cloudy eyes" (Label: Beach Community, VÖ 27.02.2015)
(bc) Dass die Jungs von HINDSIGHTS Post-Hardcore-Bands wie TITLE FIGHT zu ihren Vorbildern zählen, hört man ihrem Album "Cold walls / cloudy eyes" deutlich an. Allerdings können die Engländer qualitativ nicht mit ihren Idolen mithalten, denn trotz durchaus guter Ansätze fehlen einfach die großen Gefühlsmomente, die es braucht, um dauerhaft im Gedächtnis zu bleiben. Aber was nicht ist, kann ja bekanntlich noch werden… (6)
http://www.facebook.com/hindsightsuk

JONAS ALASKA – "Tonight" (Label: Popup Records, VÖ 20.02.2015)
(so) Ziemlich nichtssagender, sehr BEATLES-orientierter Folk aus Norwegen, den uns JONAS ALASKA auf "Tonight" präsentiert. Aus meiner Sicht etwas zu rückwärtsgewandt, zu wenig eigenständig und nur selten mit einem überspringenden Funken, obwohl das, was er macht, wahrlich handwerklich nicht schlecht ist. Aber eben dennoch insgesamt zu uninspiriert und zu sehr von Vorbildern verfolgt. Da gibt´s gute Alternativen, gerade in diesem Genre. (3,5)
http://www.facebook.com/JonasAlaska

KEEP OF KALESSIN – "Epistemology" (Label: Indie Recordings, VÖ 16.02.2015)
(jg) Wenn an diesem Album etwas äußerst widersprüchlich ist, dann die Labelwahl. Was hat das denn bitte mit Indie zu tun? Epischer Metal aus Norwegen, der wie ein mit Progressive Metal vertontes Fantasy-Spiel klingt. In Norwegen für den Grammy nominiert und technisch so präzise wie ein Schweizer Uhrwerk. Wenn nur die durchgehende Double Bass nicht andauernd wäre – bei Songlängen von bis zu zehn Minuten… Wobei ich zugeben muss, dass ich genauso gut über Ballet in Russland zur Jahrtausendwende schreiben könnte. Davon verstehe ich auch nicht mehr. (2)
http://www.facebook.com/keepofkalessin

MÄNNI – "Wille aus Beton" (Digitale Veröffentlichung, VÖ 27.02.2015)
(bc) Als ich im Infoschreiben gelesen habe, dass es sich bei MÄNNI um eine einzelne Person handelt, die Rock und Punk mit elektronischen Beats mischt und alle Instrumente im Alleingang eingespielt hat, rechnete ich zunächst mit dem Schlimmsten, denn viel zu oft resultiert aus derartigen Solo-Projekten ein maximal halbgares Endergebnis. Umso erstaunlicher das Resultat: Lieder wie "Rottedam" oder "Es geht nicht mehr" klingen nicht zuletzt aufgrund ihrer druckvollen Produktion erstaunlich ambitioniert und beweisen, dass der junge Mann aus Aachen sein Handwerk tatsächlich versteht. Mindestens ein Achtungserfolg! (6)
http://www.facebook.com/mnniac

RATS ON RAFTS – "The moon is big" (Label: Popup Records, VÖ 20.02.2015)
(so) Mächtig viel Wave, mächtig viel 80er und mächtig viel Dampf dahinter, so präsentieren sich die Rotterdamer Band RATS ON RAFTS auf ihrem Debüt "The moon is big". Verschrobene Gitarren treffen auf knackige Beats, wie wir sie von JOY DIVISION oder auch THE CULT kennen, eben eine Mischung aus Punk und Wave. Leider bleibt die Platte dabei ein wenig den Abwechslungsreichtum dieser Musikrichtungen schuldig und ruht sich etwas zu sehr auf dem neonlichtgeschwängerten Düsterpop der beginnenden Wavezeit aus. (6)
http://www.facebook.com/RatsonRafts

SEVERED LIMB – "If you ain´t livin´you´re a dead man” (Label: Damaged Goods, VÖ 28.02.2015)
(bc) Einmal alles, bitte! SEVERED LIMB mögen sich offenbar auf keinen Stil festlegen und zocken sich daher kurzerhand einmal quer durch die halbe Musikgeschichte. So erinnert ihre Reise von 50er Jahre Rock´n´Roll über Rocksteady, R&B, Country und Chansons bis hin zum Punk an die gut sortierte Jukebox eines x-beliebigen Pubs in Süd-London, was irgendwie auch naheliegend ist, da der Drummer dieses Trios zugleich als Kneipenbesitzer seine Brötchen verdient. Insofern ist "If you ain´t livin´you´re a dead man" zwar durchaus unterhaltsam, wirkt aber zugleich auch ziemlich zerfahren. (5,5)
http://www.facebook.com/theseveredlimb

SUN AND THE WOLF – "Salutations" (Label: World In Sound, VÖ 20.02.2015)
(jg) Und wo wir vorhin schon von Psychedelic Rock aus den Sechzigern sprachen (EASY CHAIR), hier nun Psychedelic aus der Neuzeit. Boring? Dann hätte man diese Band aus Auckland, nun in Berlin beheimatet, nicht zum SXSW, ins Vorprogramm von KASABIAN und WOLFMOTHER bzw. auf die Fusion eingeladen. Das hat was Hypnotisches, wenn man es nur wagt, sich richtig drauf einzulassen. (6,5)
http://www.facebook.com/sunandthewolf

THE BIRDWATCHERS – "Pretentia" (Label: Flowerstreet, VÖ 30.03.2015)
(jg) Zwei irische Jungspunde ziehen von Limerick nach Fürstenfeldbruck, um eine musikalische Karriere zu starten? Wenn der Plan mal aufgeht… Wobei die Musik, die sie nun zu viert machen, schon ziemlich genau weiß, was sie will. Grob einsortiert: Rockmusik. Allerdings mit den diversesten Einflüssen. Hier ein wenig PORTUGAL.THE MAN, dort etwas ORACLES, da eine Prise ANTEMASQUE. Eintönig geht anders. (6,5)
http://www.facebook.com/TheBirdwatchersIreland

THE BOY WHO CRIED WOLF – s/t (Label: Quasilectric, VÖ 27.03.2015)
(bc) Dass sich ein Singer/Songwriter einen Haufen Mitmusiker schnappt, um ein gemeinsames Album aufzunehmen, kommt öfter vor. Selten kommt dabei allerdings ein so überzeugendes Ergebnis raus wie im Fall von THE BOY WHO CRIED WOLF. Die Art und Weise, wie hier tanzbare Indie-Songs, moderne Rock-Elemente und eingängige Pop-Melodien zu einer atmosphärischen Einheit verschmelzen, zeugt zwar einerseits von einem hohen Grad an Professionalität, ist zugleich aber immer noch spannend genug, um nicht Gefahr zu laufen, als belangloser Pop-Rock im Strudel der Beliebigkeit zu verenden. Ein kurzweiliges Vergnügen! (7)
http://de-de.facebook.com/OfficialTBWCW

THE NEW MADRIDS – "Through the heart of town" (Eigenvertrieb, out now)
(bc) Sie kommen aus Schottland, benennen sich nach einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Missouri und machen Country-Rock. Was zunächst wie eine etwas seltsame Kombination anmutet, funktioniert in der Praxis jedoch ausgesprochen gut! Aufgepeppt mit reichlich Folk- und Soul-Einflüssen schlängeln sich THE NEW MADRIDS mit Leichtigkeit durch die Gehörgänge und schüren das Verlangen nach einem Road-Trip über staubige Highways und einem wohltemperierten Whiskey. Und von Letztgenanntem verstehen Schotten und Südstaatler ja bekanntlich gleichermaßen etwas. (7)
http://www.facebook.com/TheNewMadrids

THIS LOVE IS DEADLY – "Want" (Label: Bekassine Records, VÖ 27.03.2015)
(jg) Wer hat an der Uhr gedreht? Ist es wirklich schon so spät? Wohl eher früh, denn THIS LOVE IS DEADLY manövrieren uns direkt zurück in die Zeit, als Bands wie MY BLOODY VALENTINE und RIDE die jungen Dandys auf ihre Schuhe blicken ließen. Dabei klingt das Berliner Trio keineswegs nach einer billigen Kopie der alten Heroen, da es nur allzu genau weiß, wie diese Musik zu klingen hat. Zwischendurch werden noch ein paar Noise-Ausbrüche im Stile von SONIC YOUTH eingestreut, zur Erholung gibt es immer wieder auch Dream-Pop-Momente à la DRAPE. Ein schön ausgewogenes Album zum Gedankenschweifenlassen. (7,5)
http://www.facebook.com/thisloveisdeadlymusic

Über Simon-Dominik Otte 987 Artikel
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