KAFKAS – Alte Band in neuem Glanz

Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe deutschsprachiger Punkrock-Bands, die sich im Laufe der Zeit zunehmend Indie-Rock-Einflüssen geöffnet haben und damit den einen oder anderen alten Fan vor den Kopf gestoßen haben. Auch die Entwicklung, die die KAFKAS auf ihrem aktuellem Album „Paula“ an den Tag legen, wird so manchen traditionsbewussten Deutschpunk-Hörer nicht unbedingt gefallen: Sie verpassen dem eingefahrenen deutschen Punkrock ein neues, zeitgemäßes und bisweilen gar poppiges Gewand, bleiben dabei aber dennoch ihren alten Idealen treu und engagieren sich als Band mit bemerkenswertem Elan im Bereich Tierrechte. Sänger Markus „Gabi“ Kafka war so nett, uns ein paar Fragen zu beantworten.

[F] Zwischen dem Vorgängeralbum „Privilegienthron“ und der Veröffentlichung von „Paula“ sind stolze acht Jahre vergangen! Weshalb hat es so lange gedauert, bis man wieder einen richtigen neuen Langspieler von euch in den Händen halten konnte?
[A] Na ja, da kamen einige Faktoren zusammen. Ich verspürte nach der „Superrocker“-EP lange Zeit einfach kein Bedürfnis, ein neues Album fertigzustellen – das war sozusagen eine Mischung aus Faulheit und Angst vor anfallenden Labelarbeiten, da klar war, dass wir das Album wieder auf meinem Label Domcore herausbringen wollten. Damit war aber auch klar, dass ich entsprechende finanzielle und zeitliche Kapazitäten vor und nach dem Release haben musste. Somit war nicht jeder Zeitraum überhaupt möglich. Es sind dann außerdem, nachdem die ersten Hörproben der Vorproduktion kursierten, extrem viele unerwartete, wenn auch positive Dinge passiert, die zusätzliche zeitliche Kapazitäten in Anspruch nahmen. Wir haben ja kein großes Team im Rücken und müssen die anfallenden Arbeiten selber irgendwie bewältigen. Und wir sind absolute Chaos-Experten, was Timing und Terminabsprachen nicht unbedingt zuverlässiger macht…

[F] Als Vorbote habt ihr ja bereits vor einiger Zeit den Song „Klatscht in die Hände“ ins Rennen geschickt, zu dem ihr auch ein schickes Agitprop-Video gedreht habt, das es erstaunlicherweise unter anderem auf den vordersten Platz der MTV-Rockzone geschafft hat. Wie kam es dazu? Und was hat euch dazu bewogen, ausgerechnet ein Video zu diesem Stück zu machen, das ja mit seinen starken Synthie-Einflüssen eher an Elektropunk erinnert und nicht gerade als ein „typisches“ KAFKAS-Stück bezeichnet werden kann?
[A] Eine alte Bekannte von mir arbeitet mittlerweile in der Filmbranche. Sie hatte Lust, für uns ein Video zu machen. Da sie das dann quasi umsonst gemacht hat, durfte sie die Songs für ihre Clips mit aussuchen. Sie mag halt eher unsere elektronischen Songs. Und es spielte schon eine Rolle, ob zu einem Text und Song auch eine gute Idee für ein Video vorhanden war. Es ging uns nicht in erster Linie darum, nur mal ein Video zu haben, sondern wir wollten schon einen Clip, den wir auch selber vertreten können. Ich hatte mich sehr lange gegen einen Video-Clip gewehrt. Erst als man mir den Entwurf zu „Klatscht in die Hände!“ vorspielte, änderte sich meine Meinung hierzu. Ich fand das wirklich sehr witzig und somit war dann auch klar, dass wir hierzu diesen Clip machen würden.

[F] Spielt ihr die überwiegend auf Synthie-Klängen basierenden Stücke wie „Leben ist gut“ oder das eben erwähnte „Klatscht in die Hände“ eigentlich auch live? Wenn ja, wie sieht die Umsetzung aus – nehmt ihr das benötigte Equipment mit auf die Bühne, oder habt ihr auch alternative Gitarre/Bass/Schlagzeug-Versionen der Lieder, auf die ihr dann zurückgreifen könnt?
[A] Ja, wir spielen auf alle Fälle immer auch Elektro-Songs auf den Konzerten – ohne die hätte ich live auch echt wesentlich weniger Spaß. Die gehören für mich dazu, auch wenn es beim Publikum oft so ist, dass die einen entweder nur unsere Elektro-Songs mögen oder nur die „handgemachten Rocksongs“ – ich mag beides und finde ein Konzert nur so richtig erfüllend, wenn ich beides gemacht habe. Es gibt zwar auch alternative Versionen „nur“ mit echten Gitarren, Bass, Schlagzeug und Gesängen, aber das kann die Elektro-Versionen für mich nicht ersetzen – die Songs sollen ja genau so klingen, wie sie es auf dem Album tun – die Synthi-Spuren finde ich einfach total wichtig. Deshalb machen wir live auch einiges mit Laptop und Midi-Keyboard.

[F] Generell klingt „Paula“ über weite Strecken so, als würdet ihr versuchen, dem deutschsprachigen Punkrock, den ihr früher gespielt habt, einen zeitgemäßen bzw. modernen Anstrich zu verpassen. Wie beurteilt ihr generell die derzeitige deutschsprachige Punkrock-Szene?
[A] Wahrscheinlich sind andere „Szenen“ auch nicht besser. Aber es gab halt auch schon immer sehr viel weniger nette Leute und Poser in unserer Szene, denen es lediglich um ein modisches Outfit geht. Was die Deutschpunk-Szene angeht, so habe ich den Eindruck, dass die altbekannten Anarchie-Zeichen und „Schiess doch Bulle“-Aufkleber zu einem großen Teil von „Oi ist super“-Emblemen verdrängt wurden. Die Szene ist meiner Meinung nach schon ein wenig mehr in Richtung Heimatverein gerückt. Leider diffamieren und diskreditieren sich viele linksorientierte politische und kritische Gruppen gegenseitig und sind oft untereinander teilweise aus Gründen, die Außenstehende nicht nachvollziehen können, bitter verfeindet. Es werden leider sehr häufig in den eigenen Reihen Hetzjagden betrieben. Das wirkt dann auf viele vollkommen spaßfrei und nicht gerade attraktiv. So gewinnen „unpolitische“ und nicht so sympathische Gruppen leider sehr leicht zusätzlichen Zulauf. Musikalisch ist leider, wie in anderen Szenen auch, vieles schon sehr festgefahren und limitiert. Die musikalischen Rahmenbedingungen und Erwartungen der Hörer sind halt relativ klar festgelegt und definiert. Das wirkt dann teilweise schon etwas konservativ. Für viele gilt als Gesetz: „Harte Musik = unkommerziell und kritisch“ und „Softere Töne = kommerziell, unkritisch, Verrat“ – was natürlich nichts mit der Realität zu tun hat.

[F] Mit dem Stück „Zerstören“ wart ihr im Übrigen auch auf dem letzten „Schlachtrufe BRD“-Sampler vertreten. Das wirft natürlich einige Fragen auf… Weshalb habt ihr euch für die Teilnahme an diesem doch recht plakativen Tonträger entschieden? Und was denkt ihr über andere dort vertretene Bands wie z.B. EINSTURZ, die mit ihren inhaltsleeren Straßenschlachtplattitüden wie eine Horde erlebnisorientierter Feierabend-Revoluzzer rüberkommen und linke Gruppen mit einem wirklichen politischen Anliegen im Zweifelsfall eher diskreditieren?
[A] Na ja, dass wir nicht unbedingt die Vorzeige-Schlachtrufe-BRD-Band sind, wird wahrscheinlich niemand in Frage stellen. Hierzu kam es eigentlich in erster Linie dadurch, dass die Leute von „Nix Gut“, den Sampler zusammen gestellt hatten. Die haben uns in den letzten Jahren wirklich sehr oft uneigennützig unterstützt, was wir nicht vergessen haben. Von daher war, als sie uns hierfür anfragten, eigentlich klar, dass wir das nicht ablehnen würden. Der Sampler ist natürlich auch eine Chance, Position zu beziehen und Leute zu erreichen, die mit uns sonst wahrscheinlich nicht in Berührung kommen würden. Ich denke generell, dass es wichtig ist, die eigene Meinung auch dort zu vertreten, wo es nicht nur Gegenliebe erzeugt. Der Sampler hat für viele jüngere Punkrocker wirklich eine andere Bedeutung als für manch erwachsenen Punkrocker und es hat sicherlich auch der eine oder andere reflektierte Polit-Punk mal eine „Schlachtrufe BRD“-Sampler-Phase durchlebt.
Unsere Erfahrungen durch den Sampler-Beitrag waren insgesamt eher positiv. Es kam einiges an Feedback von jüngeren Hörern, die sich inhaltlich mit unserem Song auseinandergesetzt hatten. In unserem ersten Schlachtrufe-Samplerbeitrag ging es um Homophobie (auch) innerhalb der Punkszene. Da konnten wir, glaube ich, echt Leute für das Thema sensibilisieren und Denkanstöße geben. Wir möchten möglichst nicht elitär sein – auch wenn wir die Band-Philosophien vieler Sampler-Kollegen nicht teilen können.

[F] Ihr selber engagiert euch auf politischer Ebene vor allem im Bereich Tierrechte. Unter anderem habt ihr ein Tierasyl-Projekt ins Leben gerufen. Erzähl unseren Lesern bitte ein wenig hierüber!
[A] Wir haben ein Grundstück gekauft, um wenigstens einigen, so genannten „Nutztieren“ und Tieren, die unserer Hilfe benötigen, ein Leben ermöglichen zu können. Eine geeignete Hütte haben wir schon – war wie das Grundstück auch ordentlich teuer. Wir brauchen jetzt allerdings noch eine stabile Einzäunung, was leider wieder etwas teurer wird, weil hysterische Nachbarn immer wieder Panik bekommen, wenn unsere Schweinedame über ihr Grundstück läuft. Seit ein paar Wochen haben wir u.a. auch zwei Drosseln – die hatte meine Schwester als Küken gefunden und vor Katzen gerettet. Sie hatten beide von Anfang an leichte körperliche Beeinträchtigungen und wären in der Natur sicherlich nicht durchgekommen. Aber sie sind jetzt schon recht groß und lebhaft – und sehr anhänglich. Eine der beiden fliegt tagsüber draußen rum, kommt dann immer wieder und schreit so lange, bis man sie wieder rein lässt. Na ja, jedenfalls gibt es noch genug zu tun und wir hoffen, auch wenn es wesentlich langsamer als erhofft vorangeht, dass wir noch einigen weiteren Tieren ein Zuhause geben können. Wer uns hierbei unterstützen möchte – sehr gerne – einfach eine Mail schicken, dann senden wir gerne weitere Infos zu.

[F] Wie geht es nun weiter im Hause Kafka? Geht’s auf Tour? Und vor allem: Müssen wir wieder acht Jahre auf ein neues Album warten?
[A] Ich hoffe natürlich nicht, dass es wieder 8,5 Jahre bis zum nächsten Release vergehen – es sieht auch momentan erfreulicherweise nicht danach aus… Die letzten Monate waren sehr anstrengend, auch wenn es uns echt sehr freut, dass das Feedback überraschend positiv ausgefallen ist. Aber es kostet natürlich trotzdem Kraft und Energie. Jetzt kommt noch eine Single mit Video-Clip, um die wir uns intensiver kümmern werden. Dann geht es mit den Arbeiten an der nächsten Platte los. Konkrete Pläne machen wir eigentlich nie – aber langweilig war uns bisher auch noch nicht.

[F] Zum Schluss bitte noch ein kurzes WM-Fazit: Was ist schlimmer – Vuvuzela-Getröte oder Deutschland-Fähnchen am Auto?
[A] Für mich persönlich ganz uneingeschränkt: Deutschlandfahnen am Auto oder wo auch immer…

http://www.sklavenautomat.de
http://www.youtube.de/diekafkas

Über Bernd Cramer 1594 Artikel
Konzert-Junkie & Vinyl-Liebhaber. Schreibt über Musik, ohne zu Architektur zu tanzen.