JUNIUS – … über Einstein, zugedrogte Rockstars, die Bibel und wie das alles zusammenpasst

Gerade erst im Frühjahr brachten JUNIUS ihr
Europadebüt
auf den Markt, schon folgte eine kleine Clubtour durch die Republik. Eine gute Gelegenheit, den sympathischen Amis ein paar erhellene Infos zu entlocken. Nach ihrem Gig am 01.04.2008 in der Astrastube in Hamburg standen uns die beiden Gitarristen Mike und Joseph, der auch singt, bei ein paar Astras Rede und Antwort. (hs+jg)

[F]Glückwunsch, tolles Konzert! Ihr habt euren Albumsound gut auf die Bühne gebracht, und die Lautstärke war auch angenehm.
[A]Joseph: Vielen Dank. Wir mussten die Lautstärke stark reduzieren, weil der Raum so klein ist und Dana recht laut trommelt. Das war schon schwierig. Wir mussten uns mit der Lautstärke anpassen. Eine gewisse Lautstärke brauchen wir aber auch. Ich konnte heute zeitweise nicht so richtig in unsere Musik eintauchen.

[F]Das fiel gar nicht auf. Eher die Tatsache, dass sehr verhalten applaudiert wurde, was einfach daran lag, dass man Hemmungen hatte zu applaudieren. Man empfand es als Störung. Ihr schafft es, eine andächtige, eine sakrale Stimmung zu erzeugen.
[A]Mike: In einer Kirche aufzutreten, wäre auch ein Traum von uns.

[F]Wenn man euch hört und auf der Bühne agieren sieht, drängt sich der Gedanke auf, dass ihr auf die Sounds mindestens so viel Zeit verwendet wie für das Songwriting.
[A]Joseph: Nein, das Songwriting steht ganz klar im Vordergrund. Sounds, Delays etc. kommen später hinzu. Wir probieren viel aus, nehmen an allen möglichen Plätzen auf, analysieren das, sprechen darüber, manchmal vielleicht sogar zu viel, und dann entwickelt sich das automatisch. Wir versuchen, Stimmungen zu erzeugen, und ein Song ist fertig, wenn die Stimmung, die wir gefunden haben, die richtige ist.
Mike: Die Sounds entstehen durch ausprobieren. Man hat eine Idee, probiert sie aus, verwirft sie, probiert erneut, und irgendwann passt es dann.

[F]Eure Musik erinnert an große, britischen Bands wie THE CURE, JOY DIVISION, MY BLOODY VALENTINE, SAD LOVERS & GIANTS. Ist das ein ganz bewusster Einfluss?
[A]Joseph: Ja, ganz bewusst! Wir alle lieben JOY DIVISION, THE SMITH und vor allem MY BLOODY VALENTINE. THE CURE hingegen spielen eigentlich keine Rolle. Wir klingen auf unserer ersten EP nach THE CURE, aber das ist eher Zufall. Ich habe eine tiefe Stimme, und wenn ich in die höheren Töne gehe, klinge ich wie Robert Smith. Ich kann es nicht ändern.
Mike: SAD LOVERS & GIANTS sagen mir gar nichts. Muss ich mir mal anhören. Dana hört allerdings eher so ’n Rockzeugs. HOT WATER MUSIC, SUNNY DAY REAL ESTATE, DEFTONES und so. Obwohl, die finden wir alle geil, und M83 aus Frankreich sind auch groß. Wir lieben sie. Kennt ihr die?

[F]Nee.
[A]Joseph: Müsst ihr euch mal reinziehen. Die sind geil!

[F]Und ISIS? Welchen Einfluss haben die auf eure Musik? Die kommen auch aus Boston, und euer letzter Produzent hat die auch schon produziert.
[A]Joseph: Nee, ISIS beeinflussen uns nicht. Wir kennen sie, ja, aber das ist auch schon alles.

[F]Habt Iht schon „Control“ gesehen, den Film über JOY DEVISION?
[A]Mike: Ja, großartiger Film. Die Band kann man auch eher nachvollziehen als irgendwelche verrückten und zugedrogten Rockstars. Dann lieber Verantwortung, Liebe usw.

[F]Warten auch schon Familien auf euch zu Hause?
[A]Mike: Nein, noch nicht. Das passt nicht mit Musik zusammen. Erst recht nicht, wenn Babys dabei sind. Zuerst kommt die Musik.

[F]Für euer neues Album habt ihr euch einen Produzenten geholt, der u.a. auch schon für WEEZER gearbeitet hat. Wird es Veränderungen geben, einen anderen Sound?
[A]Joseph: Ja, es wird Veränderungen geben. Alles wird mächtiger, voller klingen. Mehr Samples, mehr Soundscapes, mehr Noise. Alle Songs werden ein regelrecht symphonisches Ende haben. Am Songwriting wird sich aber nichts ändern. Das ist fest in unserer Hand. Neue Produzenten bedeuten nicht automatisch einen neuen Sound. Das Studio spielt da auch eine Rolle. Tom (Syrowski; Anm. d. Red.) und Kevin (Mills; die Red.) nehmen uns quasi nur auf.
Mike: Die haben es echt drauf, wissen, wo man Mikrophone hinstellen muss und wie man Sounds hinbekommt. Die haben auch echt gute Ideen, z.B. ein Piano über einen Amp laufen zu lassen.
Wahnsinn! Wir nehmen in einem großen Raum auf. Das klingt phantastisch! In dem Raum hat übrigens MICHAEL JACKSON „We are the world“ eingespielt. Ist schon irre. So ein großer Raum erzeugt schon zwangsläufig einen großen Sound. Am liebsten hätten wir in einer Kirche aufgenommen.

[F]Kennt ihr FAVEZ? Die haben Konzerte in Kirchen gespielt.
[A] Joseph: CHAVEZ?

[F]Nee, FAVEZ, aus der Schweiz.
[A] Joseph: Ah, ich habe mich schon gewundert. Wir kennen und mögen CHAVEZ. Davon hätten wir gehört.

[F]Das kommende Album wird ein Konzeptalbum. Wie muss man sich das vorstellen?
[A] Joseph: Es sind schon alles einzelne Songs, die man getrennt von einander hören kann. Aber es gibt eben den thematischen Überbau.

[F]Wie seid ihr gerade auf Immanuel Velikovsky gekommen? Das ist doch schon eine sehr kontroverse Gestalt.
[A] Joseph: Ich habe einige Bücher von und über ihn gelesen. Zu allererst war er ein studierter Mann. Er hat Medizin studiert, war Psychoanalytiker und hat in dem Zusammenhang auch über Freud geschrieben. Doch das war ihm nicht genug. Er war davon getrieben, warum der Mensch so ist wie er ist. Er hat angefangen, interdisziplinär nach Fakten zu suchen, die er neu zusammenstellte. Er entwickelte Theorien und prägte das katastrophistische Weltbild. Sein zentrales Buch war „Welten im Zusammenstoß“. Seine Thesen wurden aber als unhaltbar abgewiesen, was ihn nicht daran hinderte, noch ein Buch und noch ein Buch und noch ein Buch zu schreiben.

[F]Glaubst du an die Thesen, oder was fasziniert dich so an dieser Person?
[A] Joseph: In unserem neuen Album geht es nicht um seine Theorien, sondern um sein Leben, um seine Leidenschaft, um das unbeirrbare Einstehen gegen alle Widerstände für die eigene Überzeugung. Diese Leidenschaft, ja geradezu Besessenheit ist das Thema. Sein Leben war sehr dramatisch. Nach einer Buchveröffentlichung wurde er z.B. entlassen. Er geriet in schwere Depressionen, veröffentlichte aber trotzdem unbeirrt ein Buch nach dem anderen. Darum drehen sich die Songs. Ein Thema, das uns sehr vertraut ist, denn es ist der gleiche Antrieb, der uns dazu veranlasst, die Musik zu machen, die wir machen. Jeder Song wird einen Ausschnitt aus seinem Leben darstellen.

[F]Wusstest du, dass seine Frau in Hamburg geboren ist?
[A] Joseph: Wirklich? Nein, wusste ich nicht. Sie lebt jedenfalls noch und veröffentlichte seine Briefe zwischen ihm und Einstein. Sie waren gute Freunde, und Einstein zeigte sich von seinen Theorien zum Elektromagnetismus sehr beeindruckt. Er glaubte wiederum im Sinne Einsteins und Darwins daran, dass die am besten Angepassten überleben.
Mike: Seine Passion, mit aller Kraft für die eigene Sache einzustehen, passt auch auf unser gesamtes Umfeld, z.B. auf unser eigenes Label. Wir machen alles selbst, haben keinen großen Partner im Rücken. Das macht viel Arbeit, kostet viel Zeit und bringt wenig ein, aber niemand kann uns reinreden.

[F]Ihr sehr eure Musik also durchaus schon als Arbeit an?
[A] Mike: Ja, im Sinne von ernst nehmen, ernsthaft betreiben. Wir üben viel, feilen sehr an den Details und geben nie die Kontrolle aus den Händen. Nenn es Handwerk! Und wenn wir auf die Bühne gehen, wissen wir, was geht und belohnen uns selbst. Dann ist es nur noch Freude, Spaß, Leidenschaft, in die Musik einzutauchen und sich treiben zu lassen.

[F]Wird euer neues Album auch in Europa erscheinen?
[A] Joseph: Ja, ganz sicher. Vielleicht sogar zuerst hier. Die Resonanz hier ist sehr gut. Wir treffen täglich tolle Leute, die mit Herz dabei sind. Das ist schon der absolute Wahnsinn!
Mike: Wir haben auch fest vor, mit dem neuen Album im Gepäck zu euch auf Tour zu kommen.

[F]Wie steht ihr zum neuen christlichen Fundamentalismus in den USA?
[A] Joseph: Die Bibel ist ein ideales Werkzeug, um Menschen zu manipulieren. Aber es gibt große Unterschiede zwischen dem Alten und Neuen Testament. Im Alten Testament gibt es viele Mythen und eine etwas obskure Wahrheit. Die Jesus-Geschichte im Neuen Testament gefällt mir ganz gut. Aber dass die Bibel und die angebliche Freiheit jetzt nur noch benutzt wird, um Massaker und Demokratisierung zu entschuldigen, gefällt mir nicht. Als es noch keine naturwissenschaftlichen Ergebnisse gab, war die Bibel sicherlich ein guter Halt. Aber nun ist es ignorant, bereits bewiesene Erkenntnisse abzustreiten. Vieles ist einfach nicht mehr als Esoterik.

[F]Denkt ihr selbst eher wissenschaftlich oder religiös?
[A] Joseph: Beides. Ich glaube an Geister, und dass es irgendeine andere Macht gibt. Wissenschaften hingegen helfen uns, die Welt zu verstehen.

[F]Vielen Dank für dieses ausführliche Interview. Wir sind schon sehr gespannt auf das neue Material. Viel Glück und Grüße an den Rest der Band!

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