Hurricane-Festival 2008 – Lustige T-Shirts, Dusch-Domino und was ist überhaupt eine „Fäkalrodung“

Tag 1
Das diesjährige Line-Up zog mich nach einigen Jahren Pause endlich wieder mal aufs Hurricane-Festival nach Scheeßel. Also Freitagmorgen los, ohne Stau durchgekommen und auf eine zum Parkplatz umfunktionierte, idyllische grüne Wiese eingewiesen worden. Und leider ist genau das auch eines der großen Mankos dieses Festivals: die Wege zwischen Parkplatz, Zeltplatz und Festivalgelände sind doch ziemlich weit, und wer einmal gesehen hat, was für schwerbepackte Menschenmassen auf den kilometerweit erscheinenden Feldwegen und Straßen zwischen Parkplatz und Campingareal unterwegs sind, dem dürfte im Nachhinein auch der Bau der Pyramiden von Gizeh nicht sonderlich spektakulär erscheinen. Um wenigstens den Weg zwischen Zelt und Bühne (sprich: zwischen Musik und Getränkevorräten) klein zu halten, wählten wir strategisch günstig den Campingplatz direkt gegenüber der Eingänge. Besser ist das.
Pünktlich zu TURBOSTAAT war ich dann mittendrin statt nur dabei. Schöner Auftritt, auch wenn ich der Meinung bin, dass die Nordlichter in kleinen Clubs besser aufgehoben sind, weil die Intensität ihrer Songs dort einfach viel besser zur Geltung kommt. Nach anschließendem Kehlebefeuchten warteten mit KETTCAR bereits die nächsten deutschsprachigen Interpreten auf ihren Auftritt. Was übrigens meiner Meinung nach sehr lustig ist: Wenn jemand bei dem Song „Kein Außen mehr“ fälschlicherweise die selbstinterpretierte Textzeile „Autistisch war schon Hitler“ mitsingt und von seinem Nebenmann korrigiert wird, dass Hitler nicht autistisch, sondern narzisstisch (oder meinte er gar nazistisch?) gewesen sei… Schönes Ding! Natürlich gab es auch das obligatorische „Landungsbrücken raus“ zu hören, und man hatte das Gefühl, dass ganz Norddeutschland mitgesungen hat. (bc)

MONSTER MAGNET? Da war doch was. Aber bevor ich hier zu den Psychedelic Rock-Götter meiner Jugend komme, gebührt mein heißer Dank, wie versprochen, den drei Homies aus Lüneburg, die ich zuvor zwar nicht kannte, aber die mir aufopferungsvoll und vor allem ungefragt beim Schleppen halfen! Sollte es öfters geben!
Doch zurück zu MONSTER MAGNET: Helden von damals, dann, wie ein Junkie im freien Fall, ab nach unten, in der Bedeutungslosigkeit verschwunden und wieder auferstanden von den Toten. Warum auch immer. Zum Glück verzichten sie mittlerweile auf die peinlichen Strip-Animateusen von damals. Aber der Herr Wyndorf? Meine Backe, hat der zugelegt. Tja, und musikalisch kommen die ausufernden Gitarrenduelle schon eher nostalgisch rüber. Ein merkwürdiges Gefühl… (jg)

Schließlich eines meiner persönlichen Highlights des ersten Festivaltages: NOFX! Fat Mike und seine Mannen zogen wie gewohnt eine ganz große Punkrockshow ab, nicht umsonst dürften die T-Shirts der Band zu den am meisten gesichteten Textilien auf dem Festival zählen. Unglaublich, wie es eine Band schafft, ein Album nach dem anderen rauszuhauen, und jedes Mal sind fast nur kleine Hits drauf. Haben die im Gegenzug ihre Seelen komplett an Satan verhökert? Man weiß es nicht… (bc)

TEGAN & SARA im Zelt kamen fast so rüber wie in der Hamburger Fabrik. Sympathisch und gut gelaunt, fast ein wenig zu nett und belanglos. Ihre Songs von „The con“ fügen sich da ins Gesamtbild nahtlos ein. Trotzdem ein angenehmes, warmes Konzert in der Abendstund. (jg)

Während sich im Zelt viele Leute über einen wohl ziemlich langen Soundcheck der WEAKERTHANS ärgerten, zog es mich nach einem kleinen Abendspaziergang über das Campinggelände Richtung Zelt. Ob es letztendlich meinem naturgegebenen Survival-Fetisch oder anderen Begebenheiten geschuldet war, dass ich am nächsten Morgen unter Nichtberücksichtigung moderner Campingsausrüstungsgegenstände wie Schlafsack oder Isomatte, dafür aber in kompakter Fötusstellung zusammengerollt in meinem Zelt lag, sei an dieser Stelle einfach mal dahingestellt…. (bc)

Tag 2
Am nächsten Morgen dann der Weckruf von meinem Zeltnachbarn Stefan: „Moinsen, Kaffee ist fertig!“ Freude! Die Mundwinkel neigten sich jedoch wieder schlagartig Richtung Süden, als er den vermeintlichen „Kaffee“ servierte: Vier Kaffeebohnen, die einsam in einem Glas Sambuca rumdümpelten. Der Frechdachs hat mir ein Trojanisches Pferd untergejubelt. Na dann, hilft ja nix: Prost! Für mehr Spaß sorgte dagegen ein Typ, dessen T-Shirt folgender Spruch zierte: „Was ist geil und hat einen Strich auf dem Rücken?“. Rückenaufdruck der humorvollen, T-förmigen Baumwollverkettung: Ein Strich. Ganz großes Kino. (bc)

Und wo wir schon beim Vorstellen der lustigsten Doofe-T-Shirt-Sprüche sind: Einer meiner Favoriten war der Junge mit dem Hemd: „Einstein ist tot, Pythagoras ist tot, und mir ist auch schon ganz schlecht.“ (jg)

Beim morgendlichen Kontrollgang über das Festivalgelände fielen dann zunächst KRIEGER negativ durch Lärmbelästigung auf: RAMMSTEIN trifft auf Blues-Rock, oder was sollte das darstellen? Auf der Flucht vor der Band landeten wir schließlich bei der Zeltbühne, wo Live-Karaoke angesagt war und eine dralle Landpomeranze gerade „Ring of fire“ von JOHNNY CASH verhunzte. Kein guter Morgen für verwöhnte Ohren, daher schnell wieder zurück zum Zelt, ein paar Blechbrötchen Marke Holsten gefrühstückt und ein halbes Dutzend Nackensteaks auf die Stahlharfe geworfen. Dazu spielten wir aus purer Langeweile eine Runde „Genial daneben“, wobei wir uns spontan festivalbezogene Fantasie-Begriffe ausdachten, die es dann von den anderen zu definieren galt. Höhepunkt dieses illusteren Spielchens war die Frage: „Was ist eine Fäkalrodung“? Die Antwort: „Unter einer Fäkalrodung versteht man das festivalroutinierte Abknicken von Ästen mit dem Ziel, einen Baum dahingehend zu präparieren, dass man sich zwecks Verrichtung eines großen Geschäftes bequem an diesen anlehnen kann.“ Noch Fragen? Nein? Sehr gut! (bc)

Beim Entmisten meiner CDs bin ich mittlerweile bei „I“ angekommen, genau genommen zwischen THE (INTERNATIONAL) NOISE CONSPIRACY, INTERNATIONAL PONY, INTERPOL und ISIS. Die „First conspiracy“ von Erstgenannten musste wegen peinlich platter Texte und lahmen Gitarrenriffs weichen, umso gespannter war ich, ob die vier Stylo-Polit-Schweden das Blatt live noch zum Positiven wenden konnten. Nach zwei Songs stand für mich fest: weg mit allen übrigen CDs! Überraschend, dass sich „Survival sickness“ und „A new morning…“ nach dem Hurricane aufgrund der Hitqualitäten dann doch retten konnten. „Armed love“ höre ich morgen durch. (jg)

Zu MILLENCOLIN zog es mich dann auch wieder aufs Festivalgelände. Am Cocktailstand lieferte ich mir ein rasantes Luftgitarrenduell mit zwei lustigen Typen, wobei meine Versuche, dem einen zu erklären, dass bei den Songs der schwedischen Melodicpunk-Götter keine Tappings vorkommen, leider auf Ignoranz und Unverständnis stießen. Anfänger… Auf RISE AGAINST hatte ich mich ganz besonders gefreut, denn obwohl ich ihr letztes Album „The sufferer & the witness“ für eines der besten Melodic-Hardcore-Alben aller Zeiten halte habe ich es noch nie geschafft, die Amis live zu sehen. Und meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht: Hits, Hits, Hits, in die Luft gereckte Fäuste, tausendfaches Mitgesinge in den hymnenhaften Refrains und zuguterletzt noch mehr Hits. (bc)

Schreckensmeldung des Tages: die FOALS spielen nicht, weil ihr schrottiger Bus in Frankreich plötzlich verlauten ließ: “Rien ne vas plus.” Merde! Zu deutsch: Himmel, Arsch und Zwirn! Ihr Debüt-Album, das wie eine bessere Ausgabe der eh schon großartigen DELOREAN klingt, ist der Hammer! Bei den Lieblingsalben 2008 ganz vorne mit dabei. Und nun das. Ich bin doch extra ihretwegen zum Hurricane gefahren! Vor lauter Trauer wollten mir auch die WOMBATS nicht mehr schmecken, die im Molotow doch noch so dufte waren. (jg)

BILLY TALENT konnten dagegen vollends überzeugen, Sänger Benjamin Kowalewicz schien seit meinem letzten Aufeinandertreffen mit den Kanadiern an seiner Stimme gearbeitet zu haben und die eigentlich schon überhörten Songs ihrer beiden Alben erschienen mir an diesem Abend so erfrischend wie schon lange nicht mehr. Zufrieden nahm ich noch die FOO FIGHTERS und MAXIMO PARK mit, ehe es ins Reich der Träume ging. Diesmal sogar mit Schlafsack und Isomatte. Na bitte, geht doch. (bc)

Tag 3
Dass Festivals Raubbau am eigenen Körper sind, ist hinlänglich bekannt. So wirklich bewusst wird es einem aber erst, wenn man am dritten Festivaltag aus seinem Zelt kriecht und eine Zwischenanalyse der körperlichen Verfassung vornimmt. Nur die mörderischen Kopfschmerzen lenken davon ab, dass es deinem Magen eigentlich so richtig beschissen geht. Kollege Sonnenbrand hat sich auch schon eingeschlichen, beim Auftragen der Sonnencreme verbindet sich diese mit der am ganzen Körper klebenden Staubkruste zu einem grauen Schlamm. Kommt das Pfeifen in den Ohren von den Bands des Vortages, oder davon, dass der DJ im nur 50 Meter entfernten Disco-Zelt in den frühen Morgenstunden als Rausschmeißer in voller Lautstärke und mit wummernden Bässen ein fröhliches „I like to move it, move it!“ durch die Boxen jagte? Die Augen meinen auch, drei bis vier Stunden Schlaf sind nicht genug und wollen wieder auf Standby-Modus schalten. So nicht, Freunde! Salami-Käse-Sandwichs vom Grill und eineinhalb Liter Mineralwasser hauchten mir zum Glück wieder ein wenig Leben ein, und bei JENNIFER ROSTOCK stand ich pünktlich wie die Maurer vor der Bühne. Zugegeben, eigentlich bin ich so früh aufs Festivalgelände gegangen, um die zu dieser Zeit noch geradezu jungfräulichen Toilettencontainer zu frequentieren und mich in Ruhe durch die Plattenkisten der dort ansässigen Verkaufsstände zu wühlen, aber wenn man schon mal den frühen Vogel raushängen lässt, kann man sich ja auch mal vor der Bühne blicken lassen… Ich hatte vor einiger Zeit mal die „Ich will hier raus“-Single von JENNIFER ROSTOCK reviewt und fand die gar nicht schlecht, aber live war die Band doch ziemlich anstrengend. Zunächst fehlte zu Beginn des Auftritts der Gitarrist, der war einfach verschollen, und die Band schien auch nicht wirklich zu wissen, ob er nun noch kommt oder nicht. Irgendwann sprintete der dann mitten während eines Songs auf die Bühne, hing sich die Klampfe um und stieg einfach mit ein. Die Sängerin ging mir mit ihrem teils hysterischen Gequietsche und nervigen Ansagen ziemlich auf den Senkel, und überhaupt war ich morgens um Zwölf noch nicht reif für NDW-angehauchten Elektropunk. Dann lieber die Zeit nutzen, um schon einmal das Zelt abzubauen und den späteren geordneten Rückzug vorzubereiten. (bc)

Wer sich seiner Heterosexualität nicht so 100%ig sicher ist, oder auch seiner Homosexualität, dem empfehle ich einen Besuch der Gruppendusche zur Stoßzeit. Das ist wahlweise der späte Samstag oder Sonntag morgen. Ich entschied mich für den Sonntag. Nach geduldigem Anstehen in der 100m Schlange vor dem Zelt ist nicht etwa entspanntes Erholungsduschen angesagt. Dann heißt es nämlich rein in die Stinkbudensauna, Buchse aus, Seife in die Hand und in weitere enge Schlangen von nackten, verschwitzten Leibern direkt bis vor die einzelnen Duschen einschummeln. Penibel wird der Mindestabstand zum Hintern des Vordermanns sowie dessen kritische Leberflecke beäugt, ein Schubser in hinterster Reihe hätte fatale Folgen. Endlich unter der Dusche stehend ist der Zeitdruck größer als bei jeder Münzdusche. Sich Privatsphäre vorgaukelnd drehen nahezu 100% ihrer Schlange den Hintern zu. Jede überflüssige Waschbewegung, die die persönliche Duschzeit in die Länge zöge, wird unter der kritischen Beobachtung der Wartenden lieber vermieden. Sogar auf den obligatorischen Wisch durch die Kimme verzichtet der ein oder andere. Nach einer halben Minute (gefühlten halben Stunde) effektiver Duschzeit heißt es Beeilung bei Verlassen des Regenwaldzeltes. Denn sofort geht das Schwitzen wieder los. Aber auch nicht zu sehr hetzen. Das fördert das Schwitzen nur. Hier gilt es, die goldene Mitte zu finden.Endlich draußen denkt man sich nur: „Boah, war das überflüssig, aber ich bin froh, dass ich’s gemacht und hinter mir habe.“ Das ist überhaupt ein gutes Fazit fürs Hurricane. (sr)

Von JAGUAR LOVE erfuhr ich erst auf dem Festival. Nachfolgeband von PRETTY GIRLS MAKE GRAVES und den BLOOD BROTHERS. Kann ja eigentlich nur gut werden. Aha, Sängerin kommt also von den PRETTY GIRLS? Nein, Spaß, Sängerin stammt von den BLOOD BROTHERS. Ein Song, ich glaube es war der dritte oder so, war richtig gut, beim Rest übertraf leider der Nerv- den Spaßfaktor. Betonung liegt bei JAGUAR LOVE klar auf dem Gesang, aber der war ja auch bei den BLOOD BROTHERS schon nicht ganz leicht zu verdauen. Danach steuerten auch wir mal das Live Karaoke-Zelt an und stellten erstaunt fest, dass das Publikum die waghalsigen Sänger doch ganz ordentlich mit Applaus bedachte. Nett!
Dann THE NOTWIST. Endlich mal wieder live, nachdem ich sie auf dem Immergut ja schon halb verpasst hatte. Zeit war mit 14 Uhr zwar für Bandverhältnisse relativ früh angesetzt, aber was soll man machen, wenn am selben Tag noch SIGUR RÒS und RADIOHEAD folgen. Nachdem „The devil, you +me“ in den meisten Magazinen ja nur mit mittlerem Lob bedacht wurde und mir das Album auch beim kurzen Durchhören im Plattenladen nicht richtig gefiel, hoffte ich auf den Plattendealer, der mir versprach, das Album wüchse mit der Zeit. Recht sollte er behalten, auch wenn die neue NOTWIST-Platte insgesamt auffällig unauffällig ausfällt. Dafür aber am Ende umso schöner.
So gestaltete sich auch ihr Auftritt: schön und verträumt, die Electronics meist unauffällig integriert und der neue Schlagzeuger doch ein wenig präsenter als Herr Messerschmidt, der mittlerweile ja, man glaubt es kaum, zu SCHWEISSER abgewandert ist. Unterbrochen wurden die ruhigen Songs dann immer wieder mit altem Material von meinem persönlichen Lieblingsalbum „12“. Großartig! Klasse Auftritt, klasse Band!
Weniger gefielen mir da CALEXICO, „die mir heute doch ein wenig altbacken erschienen. The black light“ ist eine feine Platte, aber bei allen übrigen Alben fange ich mich nach einer gewissen Zeit jedes Mal an zu langweilen. So auch heute, und so willigte ich ein, womit ich vorher nie gerechnet hätte: rüber zu den DONOTS! (jg)

Zuvor brachten aber noch PANTEÓN ROCOCÓ mit ihrem Mestizo-Skapunk ordentlich Stimmung in die nach zweieinhalb Tagen Festival sichtlich geschlauchte Meute. Es wurde kräftig getanzt, und auch der zwischenzeitlich einsetzende Regenschauer tat der guten Stimmung keinen Abbruch. Mit den DONOTS folgten schließlich ein paar ganz alte Bekannte, denn seit Jahren scheint es kaum ein größeres Festival in Deutschland zu geben, auf denen die Ibbenbürener nicht vertreten sind. Immer wieder nett und auch das neue Material ist durchaus livetauglich. Weniger gut meinte es dagegen mittlerweile das Wetter, denn es regnete sich nach dem bereits erwähnten ersten Schauer langsam ein, und die Videoleinwände neben der Bühne verkündeten eine Unwetterwarnung mit bis zu Windstärke 10, starkem Regen und – Überraschung: Hagel! Was geht ab? Angesichts dieser apokalyptischen Aussichten schauten wir nur noch kurz bei TOCOTRONIC vorbei und entschlossen uns für einen vorzeitigen Aufbruch, um von der Landstraße aus zu beobachten, wie Scheeßel von imposanten Blitzen immer enger in die Zange genommen wurde. Wie sich im Nachhinein herausstellte, blieb der Ort aber von dem wütenden Gewitter verschont und das Szenario von 2006, wo das Festival aufgrund eines Unwetters vorzeitig beendet werden musste, wiederholte sich nicht. Andernfalls wären abergläubische Menschen womöglich in Versuchung geraten, einen Zusammenhang zwischen Festivalnamen und den meteorologischen Begebenheiten herzustellen. Doch so war das Hurricane 2008 unterm Strich mal wieder ein nettes und sehr unterhaltsames Festival. (bc)

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