FSK Sunday Service – Das Festival

Jeden Montagabend heißt es für den musikinteressierten Hamburger: Glotze aus, Radio an! Denn da läuft wöchentlich von 22 – 01 Uhr der FSK Sunday Service. Ja, man lasse sich nicht verwirren von dem Namen – Stichtag ist Montag! Bereits seit zehn Jahren gibt es auf dem Hamburger Lokalsender aktuelle Musik aus dem Indie-Bereich, wobei sich die Geschwister Ziegelmüller nicht auf eine bestimmte Richtung festlegen lassen. Egal ob Jazz, Pop, Indie, Emo, HipHop, Folk oder Elektronik – solange es gefällt, wird es gespielt. Und sei’s auch mal Punk oder Hardcore. Das einzige, worauf man sich beim Sunday Service einstellen sollte, ist, dass man hier vergeblich nach Hits aus den Charts sucht. Denn die Sendung informiert! Neben Neuerscheinungen auf dem Plattenmarkt weisen Sandra und Patrick auch auf die besten Konzerte der anstehenden Woche hin und interviewen in regelmäßigen Abständen die unterschiedlichsten Künstler. Gedankt wird den beiden dafür in den jährlichen Polls diverser Musikmagazine – im Spex führten sie die Jahresliste 2005 bereits zum zweiten Mal an – wohlgemerkt trotz eines begrenzten Sendebezirkes und eines nicht-kommerziellen, kleinen Stadtsenders. Anlässlich des zehnten Geburtstag scheuten die beiden Ziegelmüllers weder Kosten noch Müh, um ein gebührendes Indoor-Festival im Hamburger Knust stattfinden zu lassen, das vom Programm einen ordentlichen Querschnitt aus der eigenen Sendung darstellt. Dabei wurde der gesamte Event aus eigener Kraft vorfinanziert und Künstler für dieses Wochenende zum Teil extra eingeflogen. Nun hoffte man noch auf genügend Zuschauer, doch just an diesem Wochenende legte Frau Holle Hamburg lahm mit 15 Zentimeter Schnee innerhalb weniger Stunden! Und sorgte bei den Veranstaltern zunächst für ein banges Warten auf die Künstler von außerhalb.
Doch starten wir am Freitag: Los ging’s gegen kurz nach neun mit den vielgelobten HELP SHE CAN’T SWIM aus Southampton. Fünf junge, bunte Gestalten sorgten für mächtig Krawall auf der Bühne und lieferten eine quirlige Mischung aus allem, was die Bereiche Punk, Wave und Pop und Hardcore so hergeben. Da wurde mal gesungen, mal gekeift, die Keyboards malträtiert und dann wieder die Gitarre, und man fragte sich als Zuschauer, warum das Cover ihres Debüts eigentlich so harmlos aussieht. Wer auf LE TIGRE, die BLOOD BROTHER, SONIC YOUTH oder PRETTY GIRLS MAKE GRAVES steht, wurde hier bestens bedient. Dazu teils glatter, teils geschrieener Gesang aus männlicher Kehle, teils zarte, teils gekeifte Vocals von Sängerin Leesey Francis, und am Ende bei mir der Eindruck, dass ich so langsam zu alt werde für so viel Spektakel. Aber ich will sie nicht mies machen, und ich denke, den meisten hat’s gefallen.
Nachfolgend dann THE JE NE SAIS QUOI, deren Debüt vor zwei Jahren ja auch ganz ordentliche Reviews einheimste. Auch hier wurde ein bunter Mischmasch aus diversen Stilen geboten, allerdings nicht ganz so zickig wie eben noch bei den Engländern. Stattdessen stand nun die Aufforderung zum Tanzen ganz vorne, und tatsächlich packten die Schweden das Publikum beim Schopf und ließen es bis zum Ende des Gigs nicht mehr los. Beeindruckend war dabei vor allem der perfekt aufeinander abgestimmte Kanon der Dreier-Gesangs-Front, und da störte auch der arg übersteuerte Bass nur noch kaum. Eine Zugabe durften die Vier ob des eng gesteckten Programms leider nicht mehr geben, aber die Chance zum Weitertanzen bot sich spätestens am Ende beider Abende als die DJ-Teams von ISO 68 gegen TIED & TICKLED TRIO, bzw. Sunday Service vs. Spex gegeneinander zum Battle antraten.
Das Liveprogramm wurde am Freitag von MASHA QRELLA beendet, die man, wenn schon nicht solo, dann vielleicht von Bands wie CONTRIVA, NM FARMER oder MINA kennen sollte. Doch mit ihrem Solo-Projekt und einer Akustikgitarre um den Hals zeigte sie sich handzahm wie kaum zuvor. Nebenbei berichtete sie noch von der Autofahrt aus Berlin nach Hamburg und einem verloren gegangenen Kühlwasser-Deckel, und man hätte fast anmutig werden können, wenn im Anschluss an das Konzertprogramm nicht noch Beats aus der Konserve gefolgt wären. Doch wir begaben uns der Grazie des Neuschnees hin und erblickten die Reeperbahn in einem unschuldigen Weiß! Wann wird’s das wiedergeben? Morgen geht’s weiter.

Tag 2: Den Kater teils noch in den Knochen, den Schnee in den Schuhen folgte Tag zwei. Ruhig angehen lassen, war die Devise, und abwarten, was da kommen mag. Heute ging’s irgendwie erst später los, und die meisten Gäste fanden sich vorahnend auch erst nach und nach im Knust ein. Da sorgten die RIVULETS mit ihren zarten Klängen für eine angenehme Einstimmung und erinnerten mich bisweilen ein wenig an NICK DRAKE und LOW. Mit letzteren teilen sie sich nicht nur ihr Label, sondern auch sonstige Zusammenarbeit. Das Ganze hätte auch vortrefflich mit den Kurzfilmen zusammengepasst, die während der Umbaupausen im Nebenraum liefen. Dort sollte später also noch die Party steigen? Aber der ruhige Schein trügte!
Nach Post-Rock folgte HipHop mit Anticon- und 13&GOD-Man JEL. Wo die meisten Hip-Hopper ihre Raps mit Platten und gesampleten Beats unterlegen, scheint JEL doch eher die Do-It-Yourself-Lexika durchstöbert zu haben und spielt das Schlagzeug lieber per Drum-Computer selbst ein. Als ob’s nichts Einfacheres gäbe, rappte er genau so virtuos wie seine flinken Finger über die Musikmaschine wanderten und stellte gleichzeitig mal wieder unter Beweis, dass HipHop eben nicht gleich HipHop ist.
Der sperrigste Act des Festivals folgte zuletzt mit NUMBERS aus Kalifornien, die sich seit dem Wechsel von Tigerbeat6 zu Kill Rock Stars zwar wesentlich gemäßigt haben, sich aber immer noch im massen-unkompatiblen Minimalismus-Art-Noise-Pop irgendwo zwischen DEVO, LUNGFISH und DEERHOOF bewegen. Dazu noch die ungewöhnliche Live-Optik mit Sängerin/Schlagzeugerin Indra Dunis und Gitarrist Dave Broekema im Vordergrund und Keyboarder und Bassist-Ersatz Eric Landmark im Hintergrund an den Synths. Das ist zwar sicherlich nicht jedermanns Geschmack, zieht einen aber nach und nach immer mehr in seinen Bann. Ein extrovertierter Abschluss eines abwechslungsreichen Festivals, das im Anschluss daran noch durch gute Musik vom Plattenteller seinen passenden Ausklang fand und zeigte, dass Sandra und Patrick auch bei der Wahl an Dancefloor-Hits genau wissen, was geht und was nicht. Auf ein Revival, am besten schon vor 2016!

Mehr Infos zum Sunday Service, sowie die kompletten Sendungen als Stream/ Download findet ihr hier: http://www.sundayservice.de