BERLIN BOOM ORCHESTRA – Hin und weg

Deutschsprachiger Reggae hatte in den letzten Jahren Hochkonjunktur. Allen voran Berlin machte auch in diesem Zusammenhang seinem Ruf als Hauptstadt alle Ehre und brachte mit SEEED und CULCHA CANDELA alleine zwei Bands hervor, die nicht nur zahlreiche Festivals zum Kochen brachten, sondern sich auch weit oben in den Charts und letztendlich gar beim Bundesvision Song Contest wiederfanden. Deutlich weniger Aufmerksamkeit wurde bisher dagegen dem BERLIN BOOM ORCHESTRA zuteil. Beim Hören ihres Albums „Hin und weg“ drängt sich regelrecht die Frage auf: Warum eigentlich? Denn eigentlich braucht sich die neunköpfige Formation hinter diesen großen Namen nicht zu verstecken.
Und dennoch ist das BERLIN BOOM ORCHESTRA erfrischend anders, denn es verzichtet auf jeglichen überflüssigen Bombast: Keine aufgeplusterten Bühnenshows, keine unnötig eingebauten Ragga-Passagen, keine HipHop-Beats oder sonstige neumodische Trends. Stattdessen orientiert man sich strikt am klassischen Reggae, ergänzt diesen mit einigen Dub- und Rocksteady-Elementen und groovt sich so ganz entspannt durch das Album. Dabei lassen sie in ihren Texten nicht nur persönlichen Gedanken freien Lauf, sondern Sänger Filou singt ebenso engagiert wie fundiert über politische Themen wie Abschiebepolitik, Rassismus oder falschen Nationalstolz.
Nicht zuletzt aufgrund ihrer Bodenständigkeit und der Nähe zur linken Szene wird das BERLIN BOOM ORCHESTRA wahrscheinlich niemals die Sendezeiten der kommerziellen Radiosender oder die ganz großen Konzerthallen füllen. Doch genau das macht diese Band so ungemein wichtig und sympathisch: Was hier zählt, ist nicht der Erfolg, sondern der Inhalt. Und mit „Hin und weg“ haben sie ein durch und durch überzeugendes Album im Gepäck, das politisch ambitionierte Offbeat-Herzen garantiert höher schlagen lässt. Big up!

Bernd Cramer

Konzert-Junkie & Vinyl-Liebhaber. Schreibt über Musik, ohne zu Architektur zu tanzen.