AGAINST ME! – How bizarre –Schmerz, Energie und die seltsamen Wege des Lebens

Seit ihrer ersten Show in Hamburg (welches Jahr das auch immer war, das „Reinventing Axl Rose“-Album war gerade draußen) im Störtebeker bin ich bekennender AGAINST ME!-Fan und das auch gegen vielerlei Widerstand. Nein, nicht wegen des Wechsels zu Fat, vielmehr gab es doch überraschend viele Ignoranten, welche unfähig waren, die Genialität der frühen Jahre zu verstehen. Allerdings stellt der Wechsel zum beleibten Michel aus San Francisco eine erste Zäsur dar und sorgte vor allem in den USA für einige Kritik, kamen die Jungs aus Gainesville doch aus dem Aktivisten- und Anarchistenumfeld, in dem vor allem der D.I.Y. (oder neuerdings und meines Erachtens auch passender D.I.T. (do it together) Gedanke einen wichtigen Eckpunkt des Handelns darstellt, und eben diesen Grundsatz sahen viele bei solch einem großen Label mit zumindest Majorlabel-Taktiken (Street-Team etc.) verraten. Nach etlichen Gerüchten zu Anfang dieses Jahres, dann der endgültige „Höhepunkt“ dieser Geschichte, als man auf der AGAINST ME! Homepage lesen konnte, dass man 2007 ein neues Album herausbringen werde … bei Sire Records, seines Zeichens dem Warner Konzern zugehörig! Und das, obwohl sich die DVD vom letzten Jahr („We’re never going home“) um quasi nichts anderes dreht, als das Ablehnen von Majorlabel-Offerten und Treueschwüren Richtung Fat Wreck (neben einigen Live-Aufnahmen)! Gründe zum Fragenstellen gab es also genug, weshalb ich auch sehr gerne die Gelegenheit dazu wahrnahm, am 25. Mai im Hafenklang am ersten schönen Tag im Sommer, zumindest in Hamburg.

[A]Nimm’ mich nicht zu hart ran!

[F](lachend) Die erste Frage ist sozusagen außen vor, also vor dem eigentlichen Interview. Erinnerst Du Dich noch an den letzten Auftritt hier. Wenn ja, was war da los?
[A]Ich erinnere mich …

[F]Ihr habt damals schon als zweite Band gespielt mit dem Hinweis, dass Ihr noch einen frühen Flieger erreichen müsst. Nach ca. 20 Minuten war dann der Auftritt leider schon vorbei, aber anstatt, dass ihr nun gleich losfahrt, konnte man Euch noch lange am Van rumhängen sehen – was war da los?
[A]Nun ja, so wie das Ganze geplant war … das war das letzte Konzert der Tour, und wir mussten den Flieger in Frankfurt kriegen, der früh am nächsten Morgen ging. Und dann hatte gerade an diesem Tag unserer Tour-Van den Geist aufgegeben – wir sind gerade noch so damit nach Hamburg gekommen. Wir wussten nicht so recht, ob wir jetzt einen neuen kriegen oder wie wir nach Frankfurt kommen würden. Nach dem Konzert ergab es sich halt so, dass wir am kaputten Van rumhingen und auf den Ersatzwagen warteten – das war allerdings bloß ein Transporter, also ohne Sitze, und wir wurden hinten alle eingeschlossen im stockdunklen Laderaum und saßen dann da sechs oder sieben Stunden drin bis Frankfurt – alptraumartig!

[F]Also Spaß gehabt?
[A]Wir spielten damals so lange, wie es für uns okay war angesichts der Fahrt, die wir noch vor uns hatten und der Unsicherheit, ob nun ein anderer Van kommt oder nicht – wir wollten echt keine Blödmänner sein!

[F]Das hatte ich gehofft.
[A]Dabei haben wir auch so unser gesamtes Set gespielt, wenn ich mich recht erinnere. Aber nach jeder Show in Europa, egal ob wir 20 Songs in Italien oder 17 in Deutschland gespielt haben, kamen hinterher vier bis sechs Leute zu mir und fragten: „Warum habt ihr nur so kurz gespielt? Was geht bei euch ab?“ Für mich ist ein 17 Song-Set recht umfassend – obwohl wir damals wohl eher 13 Songs im Set hatten, was aber auch genug ist.

[F]Vielleicht lag es auch daran, dass alle sich so gut amüsiert haben …
[A]Die Zeit verfliegt, wenn man Spaß hat.

[F]Jep, nun denn, auf zum offiziellen Teil! Wie wär’s mit einer kurzen Vorstellung?
[A]Gern. Ich heiße Warren. Ich spiele Schlagzeug in der Rock’n’Roll Band AGAINST ME!. Wir kommen aus Gainesville und im Moment befinde ich mich in Hamburg im wunderschönen Hafenklang, zum zweiten Mal übrigens.

[F]Okay. Die Tour – gerade erst angefangen oder schon am Ende (Vorbereitung ist alles)?
[A]Wir haben noch neun Shows nach dieser heute Abend und haben schon ca. 15 gespielt – wir sind über den Berg!

[F]Und dann?
[A]Zu Hause haben wir sechs, sieben oder acht Tage frei, und dann geht’s auch schon auf die Warped-Tour für den gesamten Sommer.

[F]Na denn hoffe ich mal, dass der Sommer bei euch wärmer und angenehmer ist als er hier anfängt (erinnert Euch – es war scheiße kalt im Mai!). Und gab es bisher besondere Höhen und/ oder Tiefen?
[A](…) Meine Matratze gestern war unbequem.
(Gelächter)

[F]Cool, also keine Probleme mit dem Van diesmal? Keine sonstigen Probleme?
[A]Also mal ernsthaft, keine wirklichen Probleme. Die alltäglichen Kleinigkeiten: Du isst was Falsches, und dein Magen schlägt Purzelbäume, die Toiletten haben keine Sitze, Dein Arsch schläft ein vom ständigen Sitzen im Van – keine Probleme bis jetzt (klopft auf Holz).

[F]Touren also immer noch das Beste, was man machen kann? Ich hab’ mich nämlich professionell vorbereitet …
[A]Mmmh (Gelächter).

[F]… und Interviews gelesen und da heißt es unter anderem übers Touren „das Beste der Welt“, „zirkusartige Zustände“ und „non-stop Party“. Ist das immer noch so, oder hat sich daran etwas geändert?
[A]Ja, es ist definitiv nicht mehr Party ohne Ende. Es gibt bestimmt nichts anderes, dass ich lieber in meinem Leben machen würde im Moment. Es ist immer noch eine Herausforderung und befriedigt einen auf eine Art. Ich spüre ganz deutlich diese Lücke, wenn wir wieder zu Hause sind. Wenn wir mal eine lange Pause machen, spüre ich diese Leere. Es fehlt dieses Geben und Nehmen von Live Shows … Touren ist wie das befriedigende Gefühl beim Kratzen, wenn es juckt. Andererseits sind wir uns einig darin, dass wir das hier in der nahen Zukunft machen wollen und nichts Anderes. Deshalb muss man dann doch einige praktische Überlegungen anstellen. Wir geben also nicht jeden Abend Vollgas, weil das die einzige Tour ist, die wir jemals machen werden. In fünf Jahren würde ich gerne meine Leber in einem Zustand sehen, der mir noch das Reisen erlaubt. Man muss sich die „Gefechte“ aussuchen, was die Partys angeht! Aber wir haben noch sehr viel Spaß!

[F]Wir haben die folgende Frage schon angerissen, aber im Vergleich zu Anfängen von AGAINST ME! – habt ihr bis heute schon einige eurer Ziele erreicht? Wurden eure Erwartungen erfüllt? Was wollt Ihr noch erreichen?
[A] Am Anfang hatte ich überhaupt gar keine Erwartungen. Die Ziele waren eher kurzfristig – pünktlich bei der Show sein, meinem Schlagzeug einen vernünftigen Sound verpassen, ’ne gute Show abliefern … Es gab nie irgendwelche langfristigen Ambitionen, mal abgesehen vom täglichen Einerlei. Und was die Erwartungen angeht – es war oft nicht mal sicher, ob es noch eine weitere Tour geben würde. Es wieder nach Hause zu schaffen, war schon gut genug: „Cool, wir haben’s geschafft!“ und dann ging’s wieder zurück zur Arbeit, und man versucht genug Geld zu sparen, um eine weitere Tour bezahlen zu können, und man muss die Zeit auch finden, um frei zu kriegen. Heute trägt sich das Ganze selber, irgendwie, so dass wir sagen können: O.K., wir wissen, dass wir das hier können.“ Jetzt können wir etwas ambitionierter an die Sache rangehen, es gut machen und neue Erfahrungen machen, welche die Welt zu bieten hat.

[F] Und für die Zukunft? Irgendwelche besonderen Ziele – z.B. in Japan spielen oder so etwas?
[A]Wir haben erst einmal in Japan auf einem Festival in Tokio gespielt. Und, obwohl das jetzt rein hypothetisch ist, dort würde ich sehr gerne noch mal spielen, in anderen Städten dort und so. Im Moment stehen wir in Kontakt mit jemandem in Brasilien, um dort ein paar Shows zu spielen – das wäre Wahnsinn! Außerdem könnte was in Südafrika gehen. Musik als Ticket um die Welt zu sehen, ist etwas, dass ich nicht für möglich gehalten hätte für mich. Und wir wollen diese Gelegenheit nutzen, um soviel von der Welt zu sehen wie möglich, solange wir die Chance dazu haben.

[F]Und was hält euch als Band am Laufen? Wenn ihr keine speziellen Ziele habt oder so – was treibt euch an?
[A]An diesem Punkt muss ich nicht jeden Tag nach dem Aufstehen entscheiden, ob ich das hier machen will oder nicht. Dazu hab’ ich mich schon entschlossen, und ich hab’ in die Richtung auch schon zuviel Zeit und Energie investiert. Davon abgesehen ist es insgesamt einfach eine Sache, die dich täglich belohnt mit vielen kleinen Dingen und auch durch einige substantielle Dinge. Klar, wir hoffen, dass unser nächstes Album besser wird als alles anderes vorher und das danach noch besser … Man möchte natürlich nicht von sich selber denken, dass die besten Jahre Vergangenheit sind. Und außerdem ist das Ganze überhaupt nicht abgestanden oder langweilig! Es gibt dir soviel, wie du reinsteckst – und so lange wir zurückkriegen, was wir an Energie reinstecken, kann ich mir nicht vorstellen, in naher Zukunft aufzuhören.

[F]OK, ich habe jetzt noch eine oder zwei Fragen zum aktuellen Album. Ihr habt dazu zwei Singles rausgebracht mit Remixen, von MOUSE ON MARS und Ad Rock von den BEASTIE BOYS – wie kam es zu diesen Platten?

[A]MOUSE ON MARS waren zuerst da – ich bin nämlich ein ganz großer Fan! Ich hab fast alle Platten und so, habe sie live gesehen, etc. Ich liebe, was sie machen und wie sie es machen. So kam die Idee, MOUSE ON MARS einen Remix machen zu lassen, relativ schnell von mir. Ich konnte sie dann auch relativ schnell kontaktieren, habe mit denen am Telefon gequatscht und als sie den Song hörten, hatten sie Lust. So einfach war das dann.

[F]Kannten die euch denn schon?
[A]Nein! Die hatten keine Ahnung, wer wir sind.

[F]Umso besser für euch, dass sie trotzdem Lust hatten.
[A]Stimmt. Ich wusste, dass sie zuvor schon eine Platte mit STEREOLAB gemacht hatten. Sie hatten also schon mit „organischen“ Instrumenten gearbeitet, und sie touren mit einem echten Schlagzeuger. Viele Songs von ihnen basieren außerdem auf einem Schlagzeug, dass dann gesamplet und geloopt wird. AD ROCK war mehr eine … wir suchten halt nach jemandem, hatten einige Kandidaten, und dann hörten wir, dass er Remixe machen will und nach Möglichkeiten sucht. Es war einfach gutes Timing.

[F]OK, hier noch eine ganz allgemeine Frage: hätte eigentlich auch vorhin schon gut gepasst, als Du erwähntest, dass die Band sich selber trägt. Für dich als Künstler, als Kunstschaffender, mit der Möglichkeit davon zu leben … also davon gehe ich jetzt aus, dass ihr von der Band leben könnt.
[A]Ja, absolut – überraschender Weise.

[F]Also, einerseits muss es ein sehr gutes Gefühl sein, etwas zu tun, dass man liebt und sowieso tun würde und dann davon leben zu können. Andererseits könnte es auch beängstigend sein, davon abhängig zu sein. Macht dir der Gedanke manchmal Angst, dass man gezwungen sein könnte, etwas zu tun, was man sonst nicht machen würde?
[A]So würde ich das Ganze gar nicht sehen, aber ich verstehe, was du meinst, als philosophische Frage sozusagen: sobald man von seiner Kunst abhängig ist, um sich zu versorgen, ist die Kunst dadurch korrumpiert, unecht. Ich glaube, dieses Problem, diese Frage ist einer der großen Stolpersteine für viele Independent-Szenen, also Musik, Kunst, Kultur oder auch Schriftstellerei und so. Es gibt ja diese Idee oder Konzept, dass es nicht so ehrlich und aufrichtig ist, mit seiner Kunst zu überleben, und dass es besser ist, Geld zu verdienen mit etwas, dass man ablehnt und das einen nicht befriedigt, und dann muss man kleine Zeitfenster finden, um seiner Kunst nachzugehen. Kunst soll also reiner sein, wenn sie dich nicht trägt. Für mich ist das so: ich habe mich schon vorher dieser Sache ganz und gar verschrieben, nicht erst seit sie mich finanziert. Es ist ein Geschenk, dass ich mich dieser Sache mit meinem ganzem Herzen widmen kann, und ich will dieses Geschenk ganz einfach nicht ungenutzt lassen. Ich denke, ich schulde es allen, die in beschissenen Jobs gefangen sind und trotzdem die Zeit finden, die Dinge zu tun, die sie lieben, dass ich dies mit soviel Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit wie möglich verfolge und betreibe. (Pause) Ich hab’ schon gearbeitet und ich hab’ auch keine Angst es wieder zu tun. Ich kann verschiedenen Dinge tun – ich kann überleben. Und meine Miete ist auch sehr niedrig …

[F]Vielleicht liegt es auch an der Situation, in der man sich befindet. Ich habe die Chance gar nicht, also frage ich mich, wie das wohl wäre und vielleicht stellt sich die Frage gar nicht so, wenn man selber in dieser Situation ist.
[A]Teil der Idee, dass man bestimmte Dinge machen würde, um finanziell überleben zu können, unterstellt aber auch, dass, wenn wir einen glatten Popsong schreiben wollten, der sich millionenfach verkaufen würde, das Ganze einfach machen könnten. Klar, danke für das Kompliment. Wir wissen, was die Leute wollen und können genau das machen, um richtig reich zu werden. Aber ehrlich gesagt, wir wissen nur, wie man das macht, was wir gerade tun, und das werden wir auch weiter machen.

[F]Gut! Nun kommt die Frage, auf die du schon gewartet hast – der Labelwechsel (von Fat Wreck zu Sire, die zu Warner gehören)!
[A]Wurde auch Zeit! (Gelächter)

[F]Kannst Du die eigentlich noch hören?
[A]Ja klar. Es ist nichts, bei dem ich jetzt empfindlich reagiere oder so.

[F]Könnte ja sein, dass es einfach schon zu oft Thema war …
[A]Klar, die Frage kommt schon Mal vor – sieben oder acht Mal – am Tag! (Gelächter)

[F]Dachte ich mir schon. Im Internet ging’s ja auch schon hoch her. (Es folgt ein kleiner Smalltalk übers Internet und die verschiedenen Meinungen und Positionen zum Wechsel)
[A]Also, was genau wolltest Du wissen?

[F]Was kann Sire, das Fat nicht kann? Was macht Sire, das Fat nicht gemacht hat? Und was sind eure Erwartungen an das neue Label?
[A](Sehr lange Pause!) Die Leute gehen vielfach davon aus, dass wir einen Streit hatten mit Fat und im Zorn gegangen sind, was völliger Blödsinn ist. Wir haben immer noch ein sehr gutes Verhältnis zu allen dort. Es war auch immer gut, mit ihnen zu arbeiten. Wir haben zwei Studioalben dort rausgebracht, eine DVD, eine Liveplatte (ist jetzt gerade rausgekommen, Doppelvinyl) und hatten immer ein gutes Verhältnis – von Vorteil für beide Seiten. Und es war immer ein Vergnügen, mit denen zusammenzuarbeiten. Wir haben halt mit verschiedenen Labels über die neue Platte geredet und uns entschlossen, bei Sire zu unterschreiben. Wir gehen davon aus, dass es ebenfalls ein positives Arbeitsverhältnis wird. Wir haben zwar schon an Songs gearbeitet, aber eigentlich steht die neue Platte noch in den Sternen. Wir haben uns noch gar nicht entschieden, wo wir aufnehmen, mit wem und wann. Wir wissen nicht, wann sie erscheinen wird und wie sie so sein wird oder was genau wir damit machen werden. Wir werden bestimmt wieder touren, aber wann, ist noch überhaupt nicht geplant. Alles noch theoretisch, aber ich hoffe natürlich, dass wir weiterhin Songs schreiben werden, dann auf Tour gehen und sie so gut wie möglich live spielen oder aufnehmen werden. Das Label macht, was Labels halt so machen. Sie bringen die Platte in die Läden und wenn jemand hoffentlich an unserer Band interessiert ist, finden sie sie dann auch bei sich im Laden, wo auch immer diese Person leben mag. Und wenn sie uns live sehen wollen, können sie das hoffentlich auch. Ich habe keinerlei Interesse daran, irgendjemandem AGAINST ME! aufdrängen zu wollen – wir sind da, wenn ihr wollt. Wenn ihr das Label hasst, aber die Songs mögt, dann klaut sie halt, was ihr sowieso machen werdet (ich glaube, er meint, dass die Songs sowieso illegal aus dem Netz „gezogen“ werden). Ich empfinde das Ganze als nicht so tragisch und hab echtes Mitgefühl für jeden, der ernsthaft verletzt oder sauer ist, aber ich möchte jeden ermutigen, diese Wut und diese Energie zu nutzen, um z.B. eine D.I.Y. Band zu unterstützen, die ihr wirklich liebt. Findet eine unabhängige Band, die ihr mögt und die ihre Sace gut macht, und dann unterstützt sie oder fangt selber mit ’ner Band an und macht die Dinge so, wie ihr es für richtig haltet! Oder benutzt uns als schlechtes Beispiel oder so, das ist okay. Aber wir verbringen keine schlaflosen Nächte, uns geht’s gut, macht euch keine Sorgen!

[F]Gutes Argument am Ende – wenn es einen so aufregt, dann sollte man selber was tun, aktiv werden, nicht bloß rumheulen, am besten auf Messageboards.
[A]Genau – nutzt eure Energie!

[F]Ihr könnt also zumindest teilweise die Frustration und die Wut der Leute verstehen?
[A]Klar! Was mal wahre Kunst war, echt und vom Herzen kommend, ist nun nichts weiter als ein Geschäft. Wir sind geldgeile Arschlöcher, die alles für Geld machen. Hab’ ich alles schon gehört, und ich habe das alles auch schon gesagt – über andere Bands, als ich jünger war.

[F]Seltsam, oder?
[A]Unglaublich! Ich kann nicht weissagen, und ich habe schon Dinge getan, von denen ich in einer Million Jahre nicht gedacht hätte, dass ich sie machen werde – gute und schlechte Dinge. Ich lerne jeden Tag dazu, und das Leben kann mir immer noch eine ganze Menge bieten, und es macht immer noch Spaß.

[F]Auf der schon von dir erwähnten DVD geht es ja fast nur um die Majorlabels, die euch „umgarnen“ und ihr sagt immer wieder „Nein, wir bleiben bei Fat!“
[A]Ich war genauso überrascht wie jeder andere, als wir über das neue Album redeten und wir alle, unabhängig voneinander, zu dem Entschluss kamen, dass es richtig sei für uns. Und ich fühle mich gut mit dieser Entscheidung, nicht nur okay mit umgedrehtem Arm, sondern richtig gut, und ich bin gespannt. Ich hab’s auch nicht kommen sehen (lacht). Ich war genauso überrascht wie der Rest der Welt.

[F]Eine Frage noch zu diesem Thema: Denkst Du dass die Masse, der Mainstream, was auch immer das genau ist, in der Lage sein wird, euch zu verstehen?
[A]Ich denke schon. (Pause) Gerade kürzlich habe ich für mich eine ganz neue Dimension des Vertrauens in AGAINST ME! entdeckt – ich weiß nicht ob es das so trifft, aber wenn es läuft bei uns, wenn wir wie von selbst agieren, wenn wir „in the zone“ sind, dann kann jeder Mensch uns live sehen und etwas mitnehmen, es gut finden, interessant, faszinierend … Und dieses Gefühl würde ich gerne auf seinen Wahrheitsgehalt prüfen. Zum allerersten Mal mag meine Mutter die Musik, die ich mache – und nicht bloß so nach dem Motto „Ja, toll!“ mit den Fingern in den Ohren. Ich glaube, die Leute sind nicht so verschieden, wie es ihre Haarschnitte vermuten lassen.

[F]Es ist also kein Versuch, die SEX PISTOLS nachzumachen (die unterschrieben bei einem Major, kassierten die Vorauszahlung, lösten sich auf und kamen unter anderem Namen wieder zusammen – natürlich ohne die Vorauszahlung zurückzuzahlen.
[A]Wer weiß … (flüstert): verratet nichts – psst!

[F]O.K. Ich schneide das später raus (Uuups!). Die letzte Frage ist mein persönliches Steckenpferd. Oft haben die Leute Platten im Schrank, die man so nicht erwartet hätte oder solche, die regelrecht peinlich sind. Was hast du zu diesem Thema beizutragen?
[A]Also schämen tue ich mich jetzt nicht, aber ich bin etwas besessen von Früh-90er Alternative Rock: THIRD EYE BLIND mochte ich sehr, HARVEY DANGER auch, OMC aus Neuseeland ebenfalls. Die hatten diesen Song „How bizarre“ …

[F]Aah, ich erinnere mich an das Video.
[A]Genau, das Album ist echt klasse. Die frühen 90er – viele gute alternative Rockbands, die sich selber nicht so absolut ernst genommen haben. Schlechte Presse, aber gute Platten!

[F]Das war’s dann auch schon. Danke schön!
[A]Danke auch! War mir ein Vergnügen – Blueprint … das muss ich mir mal anschauen … (ja, genau!?!)

Tja, insgesamt ein sehr aufschlussreiches Interview, obwohl ich mich etwas ärgere, an zwei Stellen nicht noch etwas mehr „gebohrt“ zu haben: was kann denn Sire jetzt konkret besser als Fat? Und dass jeder irgendetwas von einem AGAINST ME! Konzert mitnehmen kann, bedeutet doch noch lange nicht, dass jeder sie versteht. Wat soll’s – leider sind die Livefotos in den unendlichen Weiten des Internets verschollen gegangen, aber auf den meisten waren leider sowieso nur kreischende AbiturientInnen zu sehen. Eine brachte den Roadie an den Rand des Nervenzusammenbruchs, weil sie immer wieder auf die Bühne rannte und alles ergriff, was so da war – am Schluss fiel sie fast in Ohnmacht, weil Sänger Tom Gabel sie mitleidig anlächelte – was sie natürlich kreischend dem gesamten Hafenklang mitteilen musste – ein kleiner Vorgeschmack auf die nächsten AGAINST ME! Konzerte befürchte ich.