DELTA SLEEP – Nicht kollektiv den Verstand verlieren

Dass DELTA SLEEP es im letzten Herbst sogar bis zu unserem „Album-Tipp“ geschafft haben, kommt nicht von ungefähr. Auf ihrem vierten Album „Spring island“ vereinen sie auf unnachahmliche Weise die Komplexität von Math Rock mit der Eingängigkeit von Emopop, gelten aber nach wie vor als Geheimtipp. Im Mai verschlug es die Band aus Brighton dann auch nach Hamburg ins Hafenklang, was wir zum Anlass nahmen, mit Bassist Dave Jackson über ihre Musik, die coronabedingten Einschränkungen und das Reisen quer durch die Welt zu sprechen.

Hey Dave! Ich habe eine der besten Umschreibungen Eurer Musik als Kommentar unter einem Video von Euch gefunden. Es heißt dort: „Ihr seid eine der besten Bands, um Newcomern Math-Rock näher zu bringen“ Wie gefällt Dir dieser Satz?
Den nehmen wir! Im Grunde sind wir Math Rock light, das passt wohl am besten zu uns.

Wie schafft Ihr es, Eure doch recht komplexe Musik so einfach klingen zu lassen?
Ich bin mir nicht sicher, ob es bestimmte Überlegungen gibt, die dazu führen, dass unsere Musik weniger oder mehr komplex klingt, aber ich würde sagen, wir nähern uns der Musik von einer ziemlich klassischen Songwriting-Haltung und passen sie dann so an, dass sie ein bisschen Atmosphäre enthält. Anstatt andersherum etwas Supertechnisches auszudenken und anschließend zu versuchen, einen Song daraus zu machen.

Um zum Mathe-Begriff zurückzukommen: auch in der Schule gibt es Lehrer, die schwierige Dinge einfach erklären können. Findet Ihr, dass der Begriff „Math Rock“ bei Euch überhaupt noch zutrifft?
Ich bin mir nicht sicher, ob es jemals wirklich so war. Es gibt ein paar Stücke auf „Twin Galaxies“, zum Beispiel „21 Letters“ und „Hungry for love“, die sicherlich unter das Math Rock-Banner fallen, aber ansonsten denke ich, dass wir die Grenze zwischen Math Rock, Indie und Emo vorsichtig gezogen haben. Lass die Leute entscheiden!

Ihr seid mit der Zeit immer zugänglicher geworden. Interessanterweise gibt es viele gute Bands in England, die Math Rock einen schönen Pop-Anstrich verpasst haben, zum Beispiel TTNG, SHIELDS, I FEEL FINE und eben ihr. Was denkt Ihr, woran das liegt?
Was soll ich sagen… Wir wollten ein paar simplere Songs haben, die in unserem Set einfacher zu spielen sind!

Ihr seid schon durch Nordamerika, Asien und Europa gereist und habt somit viele fremde Länder und Menschen kennengelernt. Wie sehr nehmt Ihr Eure Touren auch als Urlaub wahr, und welche Länder wollt Ihr zukünftig noch betouren?
Am Anfang haben wir das sicherlich eher als Urlaub betrachtet. Besonders diese frühen Europa-Touren hatten etwas von „Steig mit deinen Freunden in einen Scheiß-Van und schau, wie weit du kommst, bevor du eine Panne hast oder der Sprit ausgeht!“ Aber je mehr Touren man auf die Beine stellt und je größer die Konzerte werden, umso mehr lässt das Urlaubsgefühl nach und an die Stelle tritt Verantwortung und unweigerliche Müdigkeit. Aber wir wollen uns nicht beklagen, wir leben teilweise sogar einen Traum. Wir fliegen nächsten Monat nach Chile, was ein GROSSER Haken auf unserer Liste ist. Australien hat uns bisher irgendwie gemieden … das müssen wir vielleicht als nächstes klären.

Es gab zwischendurch das „Soft sound project“, wo ihr unterwegs an besonderen Orten Videos mit alternativen, meist akustischen Versionen, Eurer Songs aufgenommen habt. Allerdings ist das Vinyl dazu ausverkauft. Plant Ihr davon Neuauflagen oder neue „Soft sound projects“?
Vielleicht…

Könntet Ihr Euch auch vorstellen, eine Akustik-Tour zu machen?
Es ist auf jeden Fall in Planung, aber ob es eine komplette Akustiktour wird, ist noch ungewiss. Vielleicht spielen wir auch tagsüber Akustikshows in Plattenläden und abends normale Konzerte. Wer weiß, aber wir unterhalten uns darüber.

COVID-19 hat den Alltag vieler Bands durcheinandergebracht. Wie sehr hat sich bei Euch durch die Pandemie die Zusammenarbeit/das Songwriting/die Musik/das persönliche Leben verändert?
Wir haben es geschafft, während der Corona-Zeit ziemlich produktiv zu sein – teilweise durch Glück und auch durch die Notwendigkeit, aktiv zu bleiben und weiterzumachen, um nicht unseren kollektiven Verstand zu verlieren. Es hat sich für alle viel geändert, sowohl in Bezug auf die Band als auch auf das Privatleben. Um ehrlich zu sein, denke ich, dass es für uns alle auf der ganzen Welt immer noch viele grundlegende Probleme gibt, mit denen wir uns in den kommenden Jahren beschäftigen werden. Aber wir beginnen damit jetzt, die andere Seite zu sehen. Wieder raus in die Welt zu gehen und zu touren, hat so sehr geholfen! Die Gesichter aller wiederzusehen, hat uns die Energie gegeben, weiterzumachen und wieder nach vorne zu schauen.

Ihr habt mit Eurem neuen Album das renommierte Label Big Scary Monsters verlassen und mit Sofa Boy Records ein eigenes Label gegründet. Was waren Eure Gründe, was hat sich dadurch für Euch geändert, und wie viel zusätzliche Arbeit bedeutet das für Euch?
Sehr viel, haha! Es war eine schwierige Entscheidung, weil Big Scary Monsters seit fast zehn Jahren unser Zuhause ist, aber es war einfach sinnvoll, dass wir die volle Kontrolle haben. Wir sind immer noch sehr gut mit der gesamten BSM-Crew befreundet, und ich bin mir sicher, dass es in Zukunft ein paar gemeinsame Sachen geben wird.

Ich habe gelesen, dass es sich bei Euren ersten beiden Alben um Konzeptalben handelte. Steckt hinter „Spring island“ auch ein übergeordnetes Thema?
Ja, das stimmt. Jedes Album hat ein Konzept, aber ich würde das lieber vorsichtig kommunizieren, da das Wort Konzept immer nach Prog-Rock klingt. Ich bin absolut nicht qualifiziert, über Devs Texte zu sprechen, aber im Wesentlichen dreht sich „Spring island“ um unsere Welt und die Umweltprobleme, mit denen wir konfrontiert sind, wenn wir unseren Scheiß nicht in Ordnung bringen.

Auf dem neuen Album kamen unter anderem auch ein Saxofon und eine Rhodes zum Einsatz. Recht ungewöhnliche Instrumente für Euren Stil, oder?
Wir hatten Synthesizer und Rhodes auch auf „Twin galaxies“, „Ghost city“ und „Younger years“. Ich glaube, wir haben sie nur auf „Spring island“ mehr in den Vordergrund gerückt. Das Saxophon jedoch, naja, warum nicht…

Wie wird es für Euch nach der derzeit laufenden Europa-Tour weitergehen?
Wir werden uns vier Wochen ausruhen und dann nach Südamerika fliegen, danach Festivals und eine UK-Tour. Und dann bitte ins Bett!