CRIM – “Es bedarf immer noch einer gewissen Portion “Fuck the Cops”, um eine Punkband zu sein”

Photo: @MartaSantaló_Photo

 
Im Jahr 2021 hätten CRIM genaugenommen gleich mehrere Gründe zum Feiern gehabt: So stand für die Streetpunk-Band aus Katalonien nicht nur ihr zehnjähriges Jubiläum an, sondern sie hat zudem auch noch mit „10 anys per veure una bona merda“ eine großartige Jubiläums-Compilation mit diversen hochkarätigen Gästen veröffentlicht, die natürlich auch im Rahmen zahlreicher Konzerte vorgestellt werden sollte. Doch bekanntlich wurden die Feierlichkeiten von der Corona-Pandemie überschattet, und alle weiteren Pläne wurden vorerst auf Eis gelegt. Wir haben es uns trotzdem nicht nehmen lassen, der Band ein paar Fragen zu stellen. Viel Spaß also beim Lesen!

Herzlichen Glückwunsch! Ihr feiert in diesem Jahr euer zehnjähriges Bestehen. Wenn Ihr einmal zurückschaut, könnt Ihr euch noch erinnern, mit welchen Ambitionen Ihr die Band damals gegründet habt?
Ja, natürlich! Wie jede Punkrockband der Welt hatten wir zunächst keinerlei Ambitionen (so sollte es zumindest sein…). Einige von uns hatten schon Bands zusammen, aber wir wollten noch neue Musik spielen, Spaß haben und im Proberaum Bier trinken.

Euer Jubiläumsalbum trägt den humorvollen Titel „10 anys per veure una bona merda“, was übersetzt in etwa soviel wie „10 Jahre, um gute Scheiße zu erleben“ bedeutet. Insofern zieht doch bitte mal ein kleines Resümee, welches aus Eurer Sicht die größten Highlights in dieser Zeit für Euch als Band waren.
Die Bedeutung von “guter Scheiß” auf Katalanisch ist nicht gerade in einem positiven Kontext, hahaha… Außerdem ist es ein Scherz im Zusammenhang mit der Platte einer berühmten katalanischen Band mit dem sinngemäßen Titel “10 miles to see a good armour”. Und unser erstes Demo hieß “10 miles to see a good shit”, insofern ist es ein doppelter Witz. Wir haben sicherlich viel durchgemacht, aber trotzdem sind wir zu 100% dankbar für all die guten Dinge, die in den ersten zehn Jahren passiert sind: Mehrmals durch Europa und die USA touren, Konzerte für unsere absoluten Lieblingsbands eröffnen, mehrere Alben aufnehmen, die nettesten Leute der Szene kennenlernen… Diese Platte soll all dies zusammenzufügen und “Danke” sagen.

Bei dem besagten Album handelt es sich ja nicht um einen neuen Longplayer im eigentlichen Sinne, sondern um eine Compilation bereits veröffentlichter Lieder, die Ihr neu aufgenommen und erstmals mit englischsprachigen Texten versehen habt. Soll es bei dieser anlassbezogenen Ausnahme bleiben, oder plant Ihr in Zukunft weiterhin gelegentlich Lieder auf Englisch zu singen?
Die Band wird auf zukünftigen Alben weiterhin die katalanische Sprache verwenden, aber wir werden wahrscheinlich einige der Songs auf Englisch singen, wenn wir außerhalb unseres Landes touren. Wer weiß, ob wir jemals wieder ein Album auf Englisch machen, aber sicher ist, dass es zuerst in unserer Sprache gemacht wird. Wir wollten etwas Besonderes machen, aber Englisch war nicht das eigentliche „Besondere“, sondern vielmehr eine Notwendigkeit, da alle mitwirkenden Gäste in ihren Bands auf Englisch singen. Gleichzeitig waren wir uns aber einig, dass uns das helfen könnte, neue Leute aus anderen Ländern zu erreichen.

Das Album erscheint in zwei unterschiedlichen Versionen: Einmal die „Exclusive edition“, auf der ausschließlich Ihr zu hören seid, sowie die sogenannte „Main edition“, auf der Ihr zusätzlich noch Unterstützung zahlreicher Gastmusiker*innen anderer Bands wie beispielsweise LION´S LAW, THE MOVEMENT, TOY DOLLS, KVELERTAK oder THE BABOON SHOW bekommt. Wie kam die Auswahl der Gäste auf dem Album zustande?
Die Auswahl fiel uns leicht, denn es waren alles wirkliche Freunde, die wir unterwegs kennengelernt haben: Gute Leute, mit denen wir getourt sind und sehr gute Momente zusammen hatten. Und sie alle sind für uns persönlich wahre Legenden. Aufgrund der Pandemie-Situation vermissen wir zwar zwei oder drei gute Freunde auf der Platte, aber wir sind uns sicher, dass wir bald wieder etwas gemeinsam unternehmen werden.

Kommen wir einmal auf Eure Texte zu sprechen. Diese sind auf den ersten Blick zwar nicht in dem Sinne politisch, dass Ihr deutliche Slogans verbreitet, doch bei genauerer Betrachtung stößt man durchaus auch auf kritische Statements zu gesellschaftlichen Themen wie Religion („Our father you who art in hell“) oder Xenophobie („Welcome my enemy“). Inwiefern seht Ihr Euch als politische Band?
Wir sind keine politische Band im Speziellen, aber eine Punkrock-Band zu haben, erfordert zumindest eine gewisse Portion sozialer Kompromissbereitschaft, Abneigung gegen das Establishment, Hass auf Autoritäten und all das, was fälschlicherweise gerne als Klischee dargestellt wird. Bands können zwar auch ein paar Songs übers Biertrinken, Fußball oder Ballett spielen – was immer sie wollen. Aber es bedarf immer noch einer Portion “Fuck the Cops”, um eine Punkband zu sein.

Spanien war im Februar dieses Jahres aufgrund der Proteste und Ausschreitungen im Zusammenhang mit der Verhaftung des Rappers Pablo Hasel, der ebenso wie Ihr aus Katalonien stammt, in den Schlagzeilen. Wie beurteilt Ihr die Vorkommnisse, die dort stattgefunden haben? Habt Ihr die Proteste unterstützt? Und wie ist die Situation aktuell, sowohl was Pablo Hasel selbst, aber auch die Proteste betrifft?
Yeah, selbstverständlich haben wir die Proteste unterstützt und tun es immer noch. Wir haben eine Split 7” mit unseren Brüdern von LA INQUISICION veröffentlicht, um all den jungen Leuten, die immer noch im Gefängnis sind, weil sie an Protesten teilnehmen oder Lieder über die Wahrheit in diesem verfaulten Land singen, etwas Geld und Unterstützung zu geben. Es könnten ebenso gut wir sein… Es ist eine sehr beschissene Situation, besonders mit den altmodischen faschistischen Dinosauriern, die in den Gerichten sitzen. Hier herrscht noch Gerechtigkeit wie im Mittelalter.

Aktuell scheint sich die Corona-Situation zumindest in Teilen Europas wieder ein wenig zu entspannen, und auch in Spanien finden inzwischen wieder gelegentlich Shows statt. Was sind Eure Pläne für die Zeit danach? Werdet Ihr die ausgefallenen Feierlichkeiten anlässlich eures Jubiläums nachholen?
Hier wird es derzeit wieder schlimmer. Es ist unmöglich, Pläne für die Zukunft zu machen. Wir haben jetzt so oft Shows abgesagt, Tourneen verschoben, Albumveröffentlichungen geändert usw., insofern denke ich, dass wir bis zur Veröffentlichung unseres nächsten Albums im nächsten Frühjahr nicht mehr viele Shows spielen werden. Wir hatten das Glück, zwei große Shows in Tarragona und Barcelona zu spielen – wenn es also nicht besser wird, wären das leider die einzigen Shows zum zehnjährigen Jubiläum. Wir sehen nicht, dass es für den Rest des Jahres hier viel besser wird, aber für das nächste Jahr bleiben wir nach wie vor positiv!

 
https://crim.bandcamp.com/

Über Bernd Cramer 1519 Artikel
Konzert-Junkie & Vinyl-Liebhaber. Schreibt über Musik, ohne zu Architektur zu tanzen.