V.A. – Punk Chartbusters Vol. 6

Tja, was soll man über die CD-Reihe "Punk Chartbusters" schreiben? Die einen lieben sie, die anderen hassen sie. Die Kritiken in einschlägigen Punkrock-Publikationen sind oftmals vernichtend, die Verkaufszahlen sprechen dagegen für eine große Beliebtheit. Nun ist der sechste Teil dieser Compilation erschienen, wiedermal als prall gefüllte Doppel-CD mit stolzen 48 Tracks, deren Interpreten ebenso unterschiedlich sind wie die Herangehensweise an die Originaltitel. Um das Facettenreichtum widerzuspiegeln, hat sich die Blueprint-Redaktion die Mühe gemacht, ein "Punk Chartbusters Vol. 6"-ABC aufzustellen, und somit einen Eindruck über die Höhen und Tiefen dieses Tonträgers zu vermitteln. Also dann, los geht’s…

A wie "Anfang": Den Opener machen die RÄMOUNS, die "Fun fun fun" von den BEACH BOYS ein RAMONES-Gewand verpassen. Kennt man zwar bereits von ihrem Album "Rockaway beach boys", ist aber immer wieder nett anzuhören.

B wie "Boygroup": Natürlich darf auch der obligatorische Boygroup-Coversong nicht fehlen. THE MARPLES versuchen sich an den BACKSTREET BOYS und ziehen sich einigermaßen achtbar aus der Affäre.

C wie "Cool!": Die BAROOM HEROES machen vor, wie man richtig covert! Ihre Interpretation des AMY McDONALD-Songs "Where you gonna sleep tonight?" klingt keineswegs wie krampfhaft nachgespielt, sondern könnte ebenso gut aus ihrer eigenen Feder stammen und wäre selbst dann ein richtiger Hit!

D wie "Denkmal": Die IRRENOFFENSIVE baut WIR SIND HELDEN ihr eigenes Denkmal nach und reißt es mit brachialen Punksound auch gleich wieder ein. Oder so ähnlich.

E wie "Eintagsfliege": Natürlich dürfen bei den Punk-Chartbusters auch diejenigen nicht fehlen, die einmal ein Lied in den Charts platzieren konnten und anschließend für immer in der Versenkung verschwunden sind. HAROLD FALTERMAYER kann man wohl getrost in diese Kategorie einordnen, denn an den Erfolg seiner Titelmelodie zum Hollywood-Blockbuster "Beverly Hills Cop" konnte er nie wieder anschließen. PROJEKT KOTELETT erinnern an diese kurze Sternstunde seiner Karriere.

F wie "Frischer Wind": Aus dem ganzen Bandwust dieser Doppel-CD stechen STAGE DISASTER definitiv hervor. Während es die meisten Bands eher mit poppigen Punkrockklängen halten und bemüht sind, wenigstens in irgendeiner Form massenkompatibel zu bleiben, wird hier völlig unbeeindruckt die Hardcore-Keule geschwungen. Getreu dem Motto: "Freunde? Machen wir uns später!"

G wie "Geschmackssache": Wie kommt man bloß auf die Idee, einen Song von LIONEL RICHIE zu covern? Diese Frage können wohl nur TEMPLETON PEK beantworten…

H wie "Herzensbrecher": Die alleinerziehende Mutter eines Grundschulfreundes von mir war damals eingefleischter DAVID HASSELHOFF-Fan, und ihre Liebe ging so weit, dass sie, ungeachtet seiner bestenfalls bedingt ausgeprägten schauspielerischen und musikalischen Qualitäten, eine lebensgroße Pappfigur des smarten Sunnyboys in ihrem Schlafzimmer stehen hatte (kein Witz!!!). Lustigerweise hört die Band, die hier den Evergreen "Looking for freedom" neu interpretiert, auf den Namen NO TALENT NECESSARY und trifft damit unfreiwillig den Nagel auf den Kopf.

I wie "Interessant": Wie würde FETTES BROT als Deutschpunk-Band klingen? FAHNENFLUCHT liefern die Antwort und verpassen "An Tagen wie diesen" einen völlig neuen Anstrich. Gefällt überraschend gut!

J wie "Junkiebraut": AMY WINEHOUSE wurde nicht nur von Zeichner Aku auf dem Frontcover verewigt, sondern findet auch musikalisch Beachtung. AND AFTER THE MOVEMENT haben sich das Stück "Back in black" ausgesucht.

K wie "Kaffeekränzchen": Da wird sich Oma Erika aber freuen, wenn der missratene Enkel beim Scrabble-Nachmittag mit ihren Freundinnen unverhofft die CINDY & BERT-Schunkelnummer "Immer wieder sonntags" einwirft… DIE BOCKWURSCHTBUDE hat sich jedoch sichtlich bemüht, dem Lied etwas mehr Pepp zu verleihen.

L wie "Langweilig": Die Punk-Popper von AMPLIFY spielen zur Abwechslung mal einen BEATLES-Song ("All my lovin"). *gäääääähhhhhn*

M wie "Michael Jackson": Dem King of Pop wird im Jahr nach seinem Tod gleich zweimal die Ehre erwiesen: Im direkten Vergleich zwischen den SCALLWAGS ("Beat it") und den KAWENZMÄNNERN ("Earth song") ziehen letztere übrigens den Kürzeren.

N wie "Neue Deutsche Welle": Auch dieses außergewöhnliche Phänomen deutscher Musikkultur hat ihre Spuren auf dieser Compilation hinterlassen. Immerhin wählten GOTTKAISER ("Polizisten" von EXTRABREIT) und COTZREIZ ("Los Paul" von TRIO) für ihre Vorhaben durchaus passable Vertreter dieses Genres und machen um MARKUS, NENA oder IXI einen großen Bogen…

O wie "Ohrwurm": Der Song "Mr. Brightside" von THE KILLERS ist im Original ein regelrechter Gehörgangsschmeichler. Da können THE UNDECIDED leider nicht ganz gegenanstinken und scheitern folglich an der Messlatte, die wohl ein wenig zu hoch angesetzt wurde.

P wie "Prollig": Ich dachte eigentlich, die VERLORENEN JUNGS hätten spätestens nach ihrem Sängerwechsel einen völlig neuen Weg eingeschlagen und wollen sich als ernstzunehmende Band etablieren. Dass sie dann aber ausgerechnet "Das geht ab!" von FRAUENARZT covern und dabei in tiefste Ballermann-Hits-Gefilde abdriften, widerlegt diese These ein wenig. Zumal es bestimmt sympathischere Musiker gibt, die man mit einen warmen GEMA-Gelderschauer beglücken könnte, als den für seine sexistischen Texte umstrittenen Rüpel-Rapper. Sicher, der Song geht ins Ohr – aber das tut die deutsche Nationalhymne schließlich auch…

Q wie "Quatschkram": Die TANZENDEN KADAVER sind normalerweise eher für ihre MISFITS-Vorliebe bekannt, doch hier versuchen sie sich einfach mal an der Titelmelodie zu der TV-Serie "Spongebob". Ja, sind wir denn hier auf´m Kindergeburtstag, oder was?

R wie "Reggae": Eigentlich ist es eine nette Idee, sich den OPUS-Knallers "Life is life" mit seinem dezenten Reggae-Offbeat vorzunehmen. Aber spätestens wenn RAMAZURI im Refrain die Schrammelpunk-Keule rausholen, klingt das Ganze leider ein wenig zu gewollt.

S wie "Stimmungsheber": Wie geil ist das denn?! Die LOST BOYZ ARMY schmettert inbrünstig "Aloha Heja He" von ACHIM REICHEL und räumt damit voll ab! Das Lied klingt geradezu wie geschaffen für eine raubeinige Streetpunk-Version, und die Umsetzung kann durchaus als geglückt bezeichnet werden. Daumen hoch!

T wie "Traurigkeit": Traurigkeit und schlechte Laune sind bei den Punk-Chartbusters definitiv fehl am Platze. THE SENSATIONAL SKYDRUNK HEARTBEAT ORCHESTRA sehen das genauso und intonieren mit bes(ch)wingter Leichtigkeit "Don´t worry, be happy".

U wie "Unkonventionell": ROCKFORMATION DISCOKUGEL haben nicht nur den besten Bandnamen der Welt, sondern flechten in einen BO DIDDLEY-Song auch ohne mit der Wimper zu zucken einen Part aus dem HipHop-Klassiker "Rappers delight" der SUGARHILL GANG ein. Ziemlich strange und sicherlich einer der unkonventionellsten Beiträge dieser Doppel-CD.

V wie "Verwechslungsgefahr": Wer hinter RANTANPLAN die träge Polizeitöle von Lucky Luke vermutet, der ist auf dem Holzweg. Hier handelt es sich selbstverständlich um die bekannte Hamburger Ska-Punkband, die bei dem RHEINGOLD-Stück "Fan Fan Fanatisch" allerdings auch etwas mit dem Synthesizer herumexperimentiert.

W wie "Weiblich": Die Frauenquote auf diesem Sampler ist leider erschreckend niedrig. Doch mit den STARLETTES hält immerhin eine All-Girl-Band die XX-Chromosomen-Fahne hoch und knöpft sich rollenbewusst "Das Model" von KRAFTWERK vor.

X wie "x-beliebig": Es gibt auch Bands, die sind so spannend wie eingeschlafene Füße. THE ONTHEROCKS sind so ein Kandidat. Die Art und Weise, wie sie "What´s up?" von 4 NON BLONDES verwursten, bringt ihnen meinerseits nicht mehr als das Prädikat "Lückenfüller" ein.

Y wie "Ypsilon": Diesen hübschen Buchstaben trägt KATY PERRY gleich zweimal in ihrem Namen. Ob sie wohl deswegen von LAST EXIT DOWN mit einer mittelprächtigen Coverversion bedacht wurde? Ich glaube nicht, aber ich finde, ich habe gerade ganz gut die Kurve bekommen. War vielleicht doch keine so gute Idee, das mit dem ABC…

Z wie "Zu guter Letzt": Am Ende schmettern SIR VEJA den Disco-Klassiker "I will survive" durch die Boxen. Sollte dies etwa ein versteckter Hinweis sein, dass die Punk-Chartbusters-Reihe weiterlebt? Obwohl sich auch auf dem sechsten Teil Licht und Schatten die Klinke in die Hand gaben und mich nur eine Handvoll Songs wirklich überzeugen konnte, so muss ich doch zugeben, eine Menge Spaß beim Durchhören dieser beiden CDs gehabt zu haben. Lassen wir uns also überraschen, welche Schmankerl "Punk Chartbusters Vol. 7" für uns bereit hält…

Bewertung:

Veröffentlichungsdatum: 19.03.2010

Über Bernd Cramer 1594 Artikel
Konzert-Junkie & Vinyl-Liebhaber. Schreibt über Musik, ohne zu Architektur zu tanzen.