THE JE NE SAIS QUOI – Swedish Style

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THE JE NE SAIS QUOI sind in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Sei es das Artwork ihres just erschienenen Debüt-Albums „We make beginnings“, die Gestaltung ihres Merch oder auch ihre Musik, die sich nie so ganz zwischen, Indie, Garage, Elektro, No Wave und Emo entscheiden kann. Vor ihrem Konzert in der Astra-Stube bestand also genügend Anlass, um sich ausgiebigst mit der Band zu unterhalten. An meinen Tisch gesellten sich Carl (Gitarre, Gesang), Josephine (Gitarre, Gesang) und Jorgen (Bass, Gesang), und man scherzte zu Beginn ein wenig über die Übersetzungen ihrer Plattenreviews mit einem Translator, der dabei Wörter wie „Postoffice-Core“ kreierte.
Die Tour war fast vorbei und man wertete es als gute Review, dass fast alle Platten verkauft worden sind. So langsam sei man auch ein wenig müde, aber das merkte man der Spielfreude der vier Schweden keineswegs an. Stattdessen agierte die Band recht munter auf der Bühne, und auch dem Publikum der gut gefüllten Astra-Stube konnte man später genügend Begeisterung entlocken. Doch wie gelingt es ihnen eigentlich, so tanzbare Musik zu schreiben? Wird live aussortiert, was geht und was nicht?
Jorgen: „Wir schreiben, was wir selbst gerne hören. Die anderen Songs sterben von selbst.“
Josephine: “Wir spielen live nur, was wir schon aufgenommen haben.“
Carl: “Bei der Auswahl vertrauen wir uns selbst, auch wenn das zur Folge hat, dass das Publikum vielleicht nicht alle Songs mag.“

Da stellt sich aber noch die Frage nach den Einflüssen, zumal sich die Band ja nur mühsam in eine vorgefertigte Schublade quetschen lässt. Im Booklet werden nur die Freunde und Familie genannt und auch im Interview kann man ihnen keine bestimmten Bands oder Musikrichtungen entlocken.
Carl: „Mein Einfluss ist das tägliche Leben. Für das Cover usw. sicherlich auch die Kunst.“
Jorgen: “Wir versuchen mehr oder weniger keinem bestimmten Genre zu entsprechen. Wir kriegen Inspirationen von allen möglichen Musikrichtungen, auch von solchen, die wir normalerweise nicht hören.“
Carl: “Ich würde sagen, es ist „Our Live“-Musik.

Direkte Einflüsse stammen sicherlich auch aus den Bands in denen die Herrschaften vor THE JE NE SAIS QUIO tätig waren. Carl und Jorgen waren vorher in einer Band namens YOUR HALO IS A RADAR tätig, Josephine als Gitarristin und Keyboarderin bei SEVEN FEET FOUR.
Carl: „YOUR HALO IS A RADAR war etwas gitarrenlastiger als TJNSQ. Ich würde es „Poprock” nennen.”
(Allgemeines Gelächter)

Jorgen: „Poprock? STATUS QUO-Covers?“
Carl: „Nein, lauter und härter.“

Tatsächlich klingen YHIAR eine Spur härter als TJNSQ und sind am ehesten mit Bands wie KURT und den HOT SNAKES zu vergleichen, wobei man die Wurzeln beider Bands auch heute noch in der Musik von THE JE NE SAIS QUOI wieder finden kann. Mit Coalition Records fand man übrigens ein adäquates Label, das sich schon des öfteren durch sein Gespür für gute Bands (u. a. JR EWING, BOOKS LIE und eben auch SEVEN FEET FOUR)ausgezeichnet hat.
Josephine: “Wir haben einen Freund in Amsterdam, der unsere erste 7“ bei Coalition Rec. abgab und dem Label sagte, dass sie uns veröffentlichen müssen!“

Tja, so einfach kann’s manchmal gehen, wenn man nur etwas Zwang ausübt. Und mit PRETTY GIRLS MAKE GRAVES haben die Vier musikalisch auch nah verwandte Labelmates gefunden. Doch allzu gerne stimmen sie dem Vergleich nicht zu.
Josephine: “Ich verstehe diesen Verleich nicht. Ich habe sie nie gehört.“
Carl: “Ich habe die Platte ein paar Mal gehört, und ein paar Ähnlichkeiten von der Struktur her gibt es schon. Aber ich finde, sie sind etwas härter und rockiger. Und ich war mal mit der Sängerin zusammen. Nein, Spaß! Aber es ist nahe liegend, dass wir mit ihnen verglichen werden, weil wir auf demselben Label sind, und bei uns ebenfalls eine Frau singt. Manchmal werden wir aber mit allen möglichen Bands verglichen, die eine Frau in der Band haben. Und wenn das Geschlecht der Bandmembers so wichtig zu sein scheint, hat das nichts mehr mit der Musik zu tun.“

Aber wo man schon am vergleichen ist, kommen einem bei THE JE NE SAIS QUOI auch unweigerlich ROBOCOP KRAUS in den Sinn, die der Band nicht nur musikalisch ähneln, sondern auch ähnlich viel Wert auf den Style legen. Zum Merch der Band gehörten dem Albumcover entsprechend weiße bzw. schwarze T-Shirts mit gleichfarbigem Aufdruck, wobei man den Schriftzug erst beim richtigen Lichteinfall erkennen kann. Der kreative Kopf dahinter befindet sich dabei im wahrsten Sinne des Wortes in der Familie.
Carl: “Wir haben zwar die T-Shirts und den ganzen Stuff selber gemacht, aber der Bruder von Josephine ist sozusagen unser künstlerischer Leiter und macht all die Cover, Printigs und Sticker.“
Jorgen: “Eigentlich gestaltet er alles, aber wir müssen die Sachen mögen. Und bisher hat uns alles gefallen. Er ist in einer Kunstschule und wirklich großartig. Und so etwas wie das fünfte Bandmitglied. „
Carl: “Ich finde, es ist sehr wichtig, wie man sich als Band nach außen hin präsentiert. Es muss schon irgendein Konzept geben, und warum nicht Fashion?“
Josephine: “Und wir müssen natürlich auf darauf achten, dass die Kunst auch zu der Musik passt.“
Carl: “Ich sehe das Artwork fast als Teil der Musik und als Teil der Band.“

Da überrascht es nicht, dass auch der ungewöhnliche Bandname in den Kontext passt.
Jorgen: “Ich finde, dass Bandnamen oft ziemlich scheiße sind. Und dieser Name ist auch irgendwie doof. Man muss sich halt nur irgendeinen Namen aussuchen, und zum Schluss entscheidet die Musik. Wenn die Leute Deine Musik gehört haben, wissen sie erst, was der Name bedeutet. „RADIOHEAD“ ist doch beispielsweise auch ein wirklich beknackter Name, aber sobald man die Musik kennt und auch mag, ist ein Name letztendlich nur ein Name.“

Wohl wahr! Des weiteren wurden noch AT THE DRIVE-IN, NIRVANA und die BEATLES für doof befunden, zumindest was den Bandnamen angeht. Aber der künstlerische Aspekt wurde bei der Namensgebung ebenfalls nicht aus den Augen verloren.
Jorgen: „Ansonsten finde ich, dass „THE JE NE SAIS QUOI“ einfach gut aussieht, und das „The“ ist wichtig, damit es den Namen englisch macht. Ich glaube, unser Bandname taucht sogar in englischen Wörterbüchern auf und man benutzt es für Sachen, die man nicht mit Wörtern beschreiben kann.“

Und wo dem Bandnamen eine besondere Bedeutung beigemessen wurde verhält es sich mit dem Namen des Albums und der Songs nicht anders:
Carl: „We make beginnings“ klingt zwar grammatikalisch falsch, aber es geht darum, seine eigenen Anfänge zu machen und seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Und er passt gut mit den Texten der Songs auf dem Album zusammen.“

Der Hintergedanke zu dem Text von “We need disasters” erscheint nach der Flutkatastrophe in Südostasien schon fast ein wenig morbide, zumindest eigenwillig, wobei Jorgens kritischen Überlegungen sicherlich Hand und Fuß haben.
Jorgen: “In der heutigen perfekten Gesellschaft merkt man gar nicht mehr, wie gut es einem geht, so lange nicht etwas wirklich Schlimmes passiert. Es ist nur eine Erinnerung daran, dass man sich immer so geborgen und sicher fühlt. Vielleicht wäre es hin und wieder mal gut, wenn ein großes Desaster passieren würde, um zu verstehen, was man alles hat, bevor man an dem ganzen Glück ermüdet und anfängt sich zu langweilen.“
Anzumerken bleibt, dass das Interview bereits Anfang Dezember, also vor dem Tsunami stattfand, und dass Jorgen dabei wahrscheinlich eher die westlichen Industrieländer im Hinterkopf hatte.

Beim Durchlesen der Texte fällt außerdem auf, dass Wörter wie „Choice“, „Streets“ und „Directions“ wiederholt aufgegriffen werden. Dies ist jedoch nicht bewusst geschehen, wie Carl zu Protokoll gibt: „Wir stimmen nicht über ein bestimmtes Subjekt ab, um das es gehen soll. Es geht vielmehr um das, was uns beschäftigt. Hinzu kommt, dass wir die Texte unabhängig voneinander schreiben. Aber scheinbar sind uns diese Wörter tatsächlich sehr wichtig.“
Und bekanntlich ist ja auch der Weg das Ziel? Zu guter letzt fiel mir noch der Text zu „Magic potion“ auf, der sich für die Liebe und gegen Sex ausspricht. Das klingt ja schon fast nach Straight Edge…
(Großes Gelächter.)
Carl: “Nein, das denke ich nicht. Das ist ziemlich weit entfernt. Aber der Text stammt auch von Jorgen.“
Jorgen: „Es geht darum, dass heutzutage so vieles sexualisiert wird („Sex sells“), auch in einem Zusammenhang, wo es überhaupt nicht um Sex geht. Zum Beispiel in einem Kalender mit Frauen drauf, wo eigentlich Garagen verkauft werden. Die Obsession beginnt also heutzutage nicht erst in der Modewelt. Das klingt wie ein klassischer Punkrock-Text, und vielleicht ist er das auch.“

Und damit schließt sich auch der Kreis, denn insgeheim habe ich doch schon immer gewusst, dass THE JE NE SAIS QUOI Punkrocker sind! Und wer sich davon überzeugen möchte, kann sich unter http://www.cilla.com/tjnsq/video/tjnsq-2004.wmv ihr neues Video zu „2004“ ansehen, wobei übrigens viele Ausschnitte daraus von ihrem Konzert in der Astra-Stube stammen.