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Platten-Battle: JOHNNY MAUSER vs. CAPTAIN GIPS

Die Idee, sich aneinander in Form eines so genannten Battles zu messen, ist seit jeher eng mit dem Grundgedanken des HipHops verbunden. Egal ob beim Breakdance, beim Graffiti oder im Rap – der kreative Wettstreit unter den beteiligten Protagonisten war schon in den frühen 80er Jahren Ansporn, um kontinuierlich an den eigenen Fähigkeiten zu feilen und sich innerhalb der Szene einen Namen zu machen. Was liegt da also näher, zwei zeitgleich erscheinende Rap-Veröffentlichungen in einer Art Battle gegeneinander antreten lassen? Die neuen Solo-Alben von CAPTAIN GIPS und JOHNNY MAUSER drängen sich für einen derartigen Vergleich geradezu auf, denn beide Platten sind parallel beim Hamburger Label Audiolith Records erschienen, und auch die anstehende Tour absolvieren die beiden norddeutschen Rapper zusammen. Des Weiteren liegt natürlich noch ein besonderer Reiz darin, dass die beiden normalerweise bei NEONSCHWARZ gemeinsame Sache machen. Nehmen wir die beiden Tonträger also mal genau unter die Lupe, um anschließend einen Sieger zu ermitteln…

Artwork-Check:
Wie heißt es immer so schön: „Der erste Eindruck zählt“. Das gilt nicht nur beim Bewerbungsgespräch, sondern auch beim Plattenkauf. Ein ansprechendes Äußeres macht neugierig und ist oftmals ein erster Hinweis darauf, dass sich Interpret und Label mit der Veröffentlichung tatsächlich Mühe gegeben haben. Was in den vorliegenden Fällen sofort auffällt: Sowohl CAPTAIN GIPS, als auch JOHNNY MAUSER nehmen beim Cover-Layout einen direkten Bezug zum jeweiligen Album-Titel. Während Mauser den Titel „Mausmission“ mit einem abgewandelten Foto von der Mondlandung inklusive Mäuse-Fahne persifliert, sieht man den Captain auf der Vorderseite von „Klar zum Kentern“ in einem Boot stehend mit einer Pump-Gun auf den Schiffsboden zielen. Auf der Rückseite des gezeichneten Covers sieht man hingegen nur noch die Bootspitze aus dem Wasser ragen, während der Rest des Kahns bereits untergegangen ist. Hier ist es natürlich eine Frage des Ästhetik-Empfindens, ob man fotorealistische Albumcover bevorzugt, oder doch eher gezeichnete bzw. grafische Motive mag. Da sich allerdings beide Rapper in der Vergangenheit auch als Graffiti-Sprayer verdingt haben, geht der Credibiliy-Punkt aus meiner Sicht jedoch in diesem Fall an den Captain.

Spielzeit-Check:
Auf die Länge kommt es doch gar nicht an“, hat uns das Dr. Sommer-Team früher immer eingetrichtert. In unserem Spielzeit-Check allerdings schon! Und hier hat die Maus die Nasenspitze vorn. Während es CAPTAIN GIPS auf 12 Lieder und eine Spielzeit von 37:55 Minuten bringt, trumpft die JOHNNY MAUSER-Platte mit 13 Tracks in 40:39 Minuten auf. Fairerweise muss jedoch erwähnt werden, dass Mausers Longplayer ein Intro enthält, während der Captain gleich in die Vollen geht. Dennoch: Dieser Punkt geht an Mauser.

Beat-Check:
Auf diesen Vergleich war ich im Vorwege am meisten gespannt. Beide Rapper haben auf ihren Solo-Werken eine Reihe erlesener Beat-Bastler im Rücken: Bei JOHNNY MAUSER haben Sublimbeats, Discoctrl und Jakob Amr die Instrumentals beigesteuert, während bei CAPTAIN GIPS Ulliversal, Farhot und Forbiddan für die Untermalung der Raps sorgen. Zudem haben Emphis und Simelli für beide Veröffentlichungen Beats beigesteuert. Für die Cuts ist auf beiden Alben NEONSCHWARZ-DJ Spion Y zuständig. Darüber hinaus steuert CAPTAIN GIPS bei „Malediwen“ allerdings höchstpersönlich einen Beat zu seinem Album bei und sammelt somit schon mal ein Fleißsternchen. Im direkten Vergleich beider Alben fällt auf, dass die Beats beim Gips-Album sehr druckvoll ausfallen. Extrem fette Bässe, elektronische Einflüsse und ein gehobenes Tempo hüllen die Songs in ein modernes Gewand. Auf „Mausmission“ klingen die Beats hingegen eher gechillter und drängen sich nicht so sehr in den Vordergrund. Stellenweise fühle ich mich hier an die typischen Loop-basierten deutschen Rap-Veröffentlichungen aus den 90er Jahren erinnert. Dies empfinde ich auf Dauer leider als etwas zu eintönig, daher: 2:1 für CAPTAIN GIPS!

Hookline-Check:
Hier verhält es sich ähnlich wie bei den Beats: CAPTAIN GIPS sucht gezielt die Stimmungs-Eskalation und Songs wie „Was ein Opfer“, „Hug the Police“ oder „Wah Wah Wah“ sind mit ihren eingängigen Mitmach-Refrains unwiderstehliche Party-Banger. JOHNNY MAUSER setzt hingegen eher auf Melancholie und Tiefgang. Ein ungleiches Duell, bei dem der Lautere (also in diesem Fall der Captain) erwartungsgemäß gewinnt.

Politfaktor-Check:
Dass es sich unsere beiden Kandidaten nicht nehmen lassen, sich auch auf ihren neuen Solo-Veröffentlichungen politisch zu positionieren, dürfte niemanden ernsthaft überraschen. Der Unterschied liegt hingegen in der Art und Weise, wie sie politische Inhalte in ihren Liedern vermitteln. CAPTAIN GIPS fährt auf „Klar zum Kentern“ eher die Party-Antifa-Schiene und transportiert in seinen Texten ein linksalternatives Lebensgefühl, häufig allerdings ohne dabei konkret zu werden. Sicherlich, ein Song wie „Rotz und Schmutz“ repräsentiert querschnittsartig die linke Subkultur, und „Menschheit“ richtet sich zwar einerseits an all die xenophoben Arschlöcher da draußen, setzt sich zugleich aber auch augenzwinkernd mit der eigenen Szene auseinander. Aber im Endeffekt sind all diese Themen relativ hedonistisch verpackt. Anders hingegen JOHNNY MAUSER: „Daddy“ setzt sich zynisch mit Despoten auseinander, „Cabriolet“ ist ein unmissverständlicher Affront gegen die AfD, und „Boomerang“ ist eine Art Universalabrechnung auf alles, was in diesem Land scheiße läuft. Inhaltlich ist er einfach direkter und versteckt seine Kritik an den Zuständen nicht zwischen den Zeilen. Und harte Zeiten erfordern nun mal klare Worte – insofern geht dieser Punkt verdientermaßen an ihn.

Rap-Skills-Check:
Kommen wir zur letzten Disziplin, bei der es um nichts weniger als die Rapper-Ehre geht: Die Rap-Skills! JOHNNY MAUSER flowt sich souverän durch sein Album, klingt dabei für meinen Geschmack allerdings ein Tick zu routiniert. CAPTAIN GIPS hingegen agiert mutiger und vielseitiger. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Track „Party is over“, in dem er kurzerhand Zeilen doppelt. Er gestaltet seine Raps individueller und bringt dadurch zusätzliche Abwechslung in sein Album. Insofern macht er auch hier das Rennen.

Gesamturteil:
Auch wenn JOHNNY MAUSER seinem Gegenspieler zwischenzeitlich dicht auf den Fersen war, hat CAPTAIN GIPS unser Battle auf den ersten Blick ziemlich souverän mit 4:2 gewonnen. Das Ergebnis klingt auf dem Papier allerdings deutlicher als es tatsächlich ist, denn sowohl „Klar zum Kentern“, als auch „Mausmission“ sind HipHop-Alben auf hohem Niveau und mit einem klarem inhaltlichen Anspruch. Also zieht euch den Shit unbedingt rein!

Links:
http://www.johnnymauser.com/
http://www.captaingips.com/
http://www.audiolith.net/

Bernd Cramer

Konzert-Junkie & Vinyl-Liebhaber. Schreibt über Musik, ohne zu Architektur zu tanzen.