MOTORPSYCHO – Eine Porzellanhochzeit

Captain Snah und Rilana

MOTORPSYCHO sind für uns so etwas wie die Helden von damals. Und so machte sich Rilana auch ohne zu zögern auf den Weg von Berlin nach Hamburg, um zusammen mit mir ein Interview mit der Band zu führen.
20 Jahre lang gibt es das norwegische Trio schon, und von einer Metal-Band in den Anfangstagen durchstreifte man alle erdenklichen Stile von Country, Jazz, Pop, Psychedelic und Noise. Zuletzt veröffentlichte man mit "Child of the future" kein reguläres Studioalbum, sondern eine vinyl only Studiosession, die man bei niemand geringerem als Steve Albini aufnahm und anschließend in Norwegen fertig stellte.
Anlässlich des Bandjubiläums wollten wir aber nicht nur über das neue, recht pompöse Album sprechen, sondern führten mit Gitarrist Snah eine Art Retrospektive, wobei der Gitarrist auch private Fragen bereitwillig beantwortete. Passend zum Club, dem Uebel & Gefährlich, wo wir das Interview abhielten und die Band abends live sahen, offenbarte sich das Unglück dann daheim: die Aufnahme war zwar als Datei noch vorhanden, aber nicht abspielbar. Shit. So blieb uns also nichts anderes übrig, als mit Hilfe der notierten Fragen ein Gedächtnisprotokoll anzufertigen, das leider etwas knapper ausfällt, als das Interview in Wirklichkeit verlief. Denn wortkarg war Snah ganz sicher nicht. Aber lest selbst:

[F] Wann kam der Entschluss, das Leben als Musiker zu verbringen?
[A] Der Entschluss, Musik zu machen, kam bereits als Kind.

[F] Was würdet ihr machen, wenn ihr mit der Musik nicht den Lebensunterhalt finanzieren könntet?
[A] MOTORPSYCHO bringt nicht allzu viel Geld ein. Aber wenn ich Musik machen wollte, um reich zu werden, würde ich wahrscheinlich nicht in dieser Band spielen. Ich hatte nie einen anderen Job, außer meinem Zivildienst. Da habe ich für anderthalb Jahre in einem Krankenhaus gearbeitet, was mir auch viel Spaß gemacht hat, aber natürlich etwas vollkommen anderes war.

[F] Letztlich hilft ja beides den Menschen.
[A] Das stimmt.

[F] Wie hat man sich euren Alltag vorzustellen? Stimmt es, dass ihr täglich acht Stunden probt?
[A] Wir beschäftigen uns schon täglich mit Musik, allerdings ist nicht jeder Tag gleich. Wenn man an einem neuen Album schreibt, ist das etwas anderes, als wenn man die Tour vorbereitet, Promotion zum neuen Album macht, usw. Ansonsten treffen wir uns aber fast jeden Tag in unserem eigenen Studio und nehmen auf. Und wir sind wie Zombies, die den Leuten ihre letzte Energie rauben.

[F] Auch Steve Albini?
[A] Haha, ja. Ansonsten war die Studioarbeit aber sehr gut und auch ganz anders als bisher. Steve hält es simpel, nimmt einfach auf, hält nicht viel von Overdubs, die wir bisher oft genutzt haben, mischt sich aber sonst nicht in das Songwriting ein. Er kümmert sich darum, das nötige Studio-Equipment optimal vorzubereiten, wobei die alten Geräte alles sehr organisch klingen lassen. Als wir bei Steve aufgenommen haben, hatten wir noch keine abgeschlossenen Vorstellungen und sind entsprechend mit einem unfertigen Album wieder gegangen. Den Gesang haben wir beispielsweise erst nachträglich in Norwegen ergänzt.

[F] Du spielst mit Bent ja bereits seit 20 Jahren zusammen in derselben Band. Ist das mit einer Ehe vergleichbar?
[A] In gewisser Weise schon. Allerdings bin ich nicht der Nostalgiker, der ständig in die Vergangenheit schaut. Mein Blick geht nach vorne. Was MOTORPSYCHO betrifft, sind wir mit unseren Planungen immer ungefähr ein halbes Jahr weiter.

[F] Bleibt bei so viel Zeit für MOTORPSYCHO eigentlich noch Zeit für ein Privatleben? Hast du Familie?
[A] Ja, ich habe einen zwölfjährigen Sohn, meine Frau und ich haben uns kürzlich voneinander getrennt. Aber ich denke, dass so etwas auch mit jedem anderen Job passieren kann.

[F] Mag dein Sohn MOTORPSYCHO?
[A] Ja, er mag manche Songs, aber die psychedelischen Sachen weniger. Er hört lieber IRON MAIDEN und JUDAS PRIEST.

[F] Was würdest du sagen, wenn er Rockstar werden möchte?
[A] Ich würde ihn in seinen Entscheidungen nicht beeinflussen wollen. Ich lasse ihn möglichst frei entscheiden.

[F] Was war die schwierigste Zeit in eurer Bandkarriere?
[A] Als Håkon Gebhardt (der ehemalige Drummer; Anm. d. Red.) ausgestiegen ist. Das war schon sehr schwer. Aber auch eine neue Aufgabe, vor die wir gestellt wurden.

[F] Es hat ein Weilchen gedauert, bis ihr mit Kenneth einen festen neuen Schlagzeuger gefunden habt.
[A] Ja, das stimmt. Zunächst hat Bent diesen Job übernommen, später hat Jacco von Rooij von 35007 bei uns getrommelt. Aber da er in Eindhoven wohnt, gestaltete sich dies etwas schwierig. Wir sind froh, mit Kenneth jetzt einen neuen Drummer gefunden zu haben, wo die Chemie einfach stimmte. Das hat man sofort bei den ersten gemeinsamen Proben gemerkt.

[F] Ist es schwer, mit euch zusammenzuarbeiten?
[A] Ich denke nicht. Zudem überlassen wir Kenneth alle spielerischen Freiheiten, und er darf sich natürlich gleichwertig ins Songwriting mit einbringen.

[F] Habt ihr noch Kontakt zu Hakon Gabhardt?
[A] Ja, er war kürzlich bei unserem Konzert in Oslo und hat dabei geholfen, die Instrumente auszuladen. Das war super. Wir stehen im regelmäßigen Kontakt mit ihm. Er spielt ja bei HGH Banjo und tritt momentan vor Grundschulklassen auf. Ansonsten arbeitet er als Produzent in seinem eigenen Studio.

[F] Wie viel Überzeugungsarbeit müsst ihr bewältigen, wenn ihr euch auf eine musikalische Ausrichtung einigen wollt, die sich im Laufe der Bandgeschichte ja so sehr verändert hat wie bei kaum einer anderen Band?
[A] Die Veränderungen in unserer Musik entwickeln sich von selbst und sind sicherlich von unseren aktuellen Hörgewohnheiten beeinflusst.

[F] Gibt es Alben oder Songs von euch, die ihr auch nach 20 Jahren noch liebt oder die ihr nicht mehr mögt?
[A] Natürlich. Viele Aufnahmen gefallen mir nicht mehr, ich ärgere mich über die Produktion oder den schiefen Gesang. Ansonsten höre ich mir keine alten Songs von uns an, außer wenn ich zum Beispiel ein Riff vergessen habe.

[F] Die Setlist unterscheidet sich bei euch im Gegensatz zu den meisten anderen Bands ja zum Teil von Konzert zu Konzert. Wie entscheidet ihr über die Setlist?
[A] Wir haben auf jeder Tour etwa 50-60 Songs im Repertoire, die wir spielen können. Über die jeweilige Setlist entscheiden wir erst eine Stunde vor dem Konzert.

[F] Würdet ihr irgendwann auch mal wieder "Feedtime" (von "Demon box", Wunsch von Jens) oder "Hey Jane" ("Trust us", Wunsch von Rilanas Freundin Tina) spielen?
[A] "Feedtime" stammt ja noch aus unserer Metalzeit. Die Songs sind schwierig, die können wir nicht mehr. "Hey Jane" haben wir zu häufig gespielt, deshalb ist es momentan nicht mehr auf der Liste. Aber vielleicht ändert sich das ja irgendwann wieder.

[F] Ist es für euch reizvoll, mit anderen Musikern aus zum Teil verschiedenen Richtungen (z.B. JAGA JAZZIST) zusammenzuarbeiten, oder macht ihr das auch, um euch nicht zu langweilen?
[A] JAGA JAZZIST sind sehr gute Musiker, mit ihnen zu arbeiten, war sehr interessant. Im Moment planen wir eine Zusammenarbeit mit dem Pianisten, der damals bei LOCOMOTIVE mitgespielt hat. Das ist auch sehr spannend.

[F] Was war eure bisher schönste Fan-Nachricht?
[A] (überlegt lange) Sehr schön war zum Beispiel, als das Publikum in Berlin "Happy Birthday" gesungen hat. Aber wir freuen uns eigentlich über jedes Feedback unserer Fans.

[F] Ihr habt euch ja etwa zeitgleich mit dem Fall der Berliner Mauer gegründet. Habt ihr irgendeinen Bezug zur Wiedervereinigung?
[A] Unser erstes Konzert in Deutschland war in Schwerin. Ich erinnere mich daran, dass die Stadt sehr grau war, mit Ausnahme der bunten Tankstellen und der neuen Autos, die sich die Leute gekauft haben. Es muss hart gewesen sein, dort zu leben. Aber es ist natürlich schwer, das als Außenstehender zu beurteilen. Sicherlich war das Leben dort nicht nur trist.

[F] Wo siehst du MOTORPSYCHO in der Zukunft?
[A] Ich hätte damals nicht gedacht, dass es uns so lange geben würde. 20 Jahre sind ja schon ein halbes Leben. Allerdings hat man die Zukunft nicht in der Hand.

[F] Wer entscheidet über die Zukunft?
[A] Ich weiß nicht – die äußeren Umstände.

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