JUSTIN BALK – Die Zukunft scheint golden

Im September erschien mit „Golden“ das zweite Solo-Album von JUSTIN BALK. Und weil dieses Album eben passenderweise wie sein Titel ist, mussten natürlich Antworten her, denn „Du küsst wie ein Rockstar“ kommt ja nicht von ungefähr, oder? Scheinbar doch, denn im Interview präsentierte sich der dreifache Familienvater eben nicht wie ein Rockstar, sondern eher wie ein kleiner Junge, voller Tatendrang und Optimismus, mit so viel Euphorie, dass man leicht versteht, warum er Musiker ist.

[F]Die RED HOT CHILI PEPPERS wollten dich nicht als Gitarristen, TOM PETTY wollte nicht, dass du eine deutsche Version seines Songs machst, warum machst du immer noch weiter? Kann dich gar nichts von deinem Weg abbringen?
[A]Ich mach solange weiter bis es klappt mit PETTY und den CHILI PEPPERS! Artverwandt zu dieser Frage ist ja auch die Frage: „Warum hast du dich entschieden, Musiker zu werden?“ Und da habe ich festgestellt, es gab keinen Moment, an dem ich mich entschieden haben könnte, es ist einfach so gekommen. Das ist vielleicht auch ein Unterschied zwischen einem Musiker, der irgendwo mitmacht, und einem Interpreten, der eigene Lieder schreibt und aufführt. Es ist einfach so passiert. Ich plane meinen Weg nicht, stolpere auch manchmal von Situation zu Situation und bin halt Musiker geworden und ziehe das durch.

[F]Siehst du es eher locker, Musiker zu sein, oder bist du da sehr zielstrebig und verbissen?
[A]Ich glaube ich bin kein Karrierist [Anm. d. Verf.: das Wort gibt es wirklich, kein Scheiß!], kein Karrierenschieler. Ich guck nicht, was angesagt ist, was man genau jetzt machen muss, um Erfolg zu haben, aber Musik zwingt mich schon. Ich muss die Band zusammen halten, dafür sorgen, dass es gut wird und treib die Leute so ein wenig an. Und ich hab auch jetzt das Glück z.B. mit Ronnie einen hervorragenden Typen in der Band zu haben, wie die anderen aber auch, die zudem noch Freunde sind, was ganz wichtig ist.

[F]Ist es denn so einfach, die Band immer zusammen zu haben?
[A]Nee, leider gar nicht. Die haben ja auch alle ihre Jobs, was auch gut ist, denn so machen sie nicht nur aus finanziellen Gründen bei mir mit, was mich vor große Probleme stellen würde. Es ist nicht immer einfach, ich muss jetzt noch einen anderen Gitarristen „anlernen“, der bei dem ein oder anderen Auftritt mitspielen wird, weil Ali, mein eigentlicher Gitarrist, da nicht immer kann. Die Rumpfmannschaft Marvin und Ronnie ist aber meistens dabei. Wir proben halt, wenn es geht.

[F]Auf dem Rathausmarkt hast du „Last dance with Mary Jane“ in einer deutschen Übersetzung gespielt. Früher war es ja alltäglich, dass englischsprachige Titel ins Deutsche übersetzt wurden, was ist da dein absoluter Favorit?
[A]Ich weiß das gar nicht. Ich kenn da gar nicht so viele. Hast du mal ein Beispiel?

[F]Also, ich kenne jetzt so spontan nur eine, und darauf zielte auch meine Frage, und zwar ist das „Ein Junge namens Susie“ von MIKE KRÜGER. Da kommt am Ende die Zeile „und wenn ich mal einen Sohn hab, dann nenne ich den Justin oder Matthias, aber keinesfalls Susie“. Kennen deine Eltern den?
[A]Singt der wirklich Justin [also die deutsche Aussprache, nicht die englische]? Kann ich ja gar nicht glauben. Wann war das denn?

[F]1975.
[A]Echt komisch, originell, dass der auf diesen Namen kommt. Meine Eltern haben den aus irgendeinem Kalender. Keine Ahnung. Zurück zur Frage: Ich hab mal bei BERNADETTE LA HENGST [http://www.lahengst.com/] gespielt, und die hat daraus „ein Mädchen namens Gerd“ gemacht. Da muss ich sagen, Bernadette hat den besten Text gemacht, der ist auch überhaupt kein witziger Text oder so, sondern ergreifend und gut umgesetzt. Witzigerweise, jetzt wo du es sagst, fällt mir das ein. Ich würde immer für Bernadette plädieren.

[F]Ok, kommen wir mal zu deinem Album: Du bist jemand, der immer eine Kernaussage, einen zentralen Baustein in den Texten hat. Sammelst du solche Ideen, und bastelst dann drum herum, oder wie entstehen bei dir Texte?
[A]Ich mach mir immer erst in einer Interview-Situation Gedanken über so was. Teilweise passieren Texte. Ich glaube, ganz oft ist es so, z.B. „auch die Wahrheit kann gelogen sein“. Hat einen Hintergrund für mich. Aber in diesem Moment weiß ich noch gar nicht, dass ich über dieses Thema schreiben werde. Ich hab aber diese Zeile und dann muss ich herausfinden, woher die Zeile inspiriert ist, woher sie kommt und was sie mir dann für ein Thema vorgibt. Und dann setze ich das um. Oftmals ist es die Refrainzeile oder die erste Zeile der ersten Strophe. Bestenfalls ergibt sich also aus einer Zeile ein tolles Thema, über das man schreiben kann.

[F]Hast du für solche Fälle immer ein Notizbuch bei dir, oder verlieren sich viele deiner Ideen in der Unendlichkeit deiner Gedanken?
[A]Ja, leider. Ich hab mein Buch leider nicht immer dabei. Noch schlimmer ist es mit Melodien. Wenn ich in der Bahn sitze, dann singe ich mir das so oft vor und denke irgendwann, jetzt vergisst du sie nicht mehr, und zwei Minuten später höre ich etwas, und die ganze Melodie ist weg. Ich hab jetzt mittlerweile so ein Handy und singe da dann die Melodien rein.

[F]Man sieht dich also manchmal in der Bahn in ein Telefon singen?
[A]Ja, durchaus. Obwohl McCartney sagt ja auch, wenn man es sich nicht merken kann, ist es kein guter Song. Damit kann man sich dann trösten.

[F]Woher stammt die Idee zu „Du küsst wie ein Rockstar“?
[A]Weiß ich nicht. Ich hab’s vergessen. Ich glaube ich hab irgendwo aufgeschnappt: „Ey eure Partys haben echt komische Namen“. Da hab ich irgendeiner Freundin erzählt: „Ich gehe nachher noch dorthin, und die Party hat das und das Motto.“ Und dann war ich in so einer Party/Konzert/Weggehszenerie, und dann kam so eins zum anderen. Ich bin das schon ein paar Mal gefragt worden und hab immer noch keine gute Antwort.

[F]Das war auf jeden Fall die Antwort, die am weitesten von allen Rock’n’Roll-Klischees entfernt war, die man sich vorstellen kann…
[A]Ich bin verheiratet und werde mich doch nicht in Teufelsküche bringen. Aber nee, ich muss sagen, der Text hat ja eigentlich eine ganz andere Aussage, denn nicht er ist ja der Schwerenöter, sondern sie, die viele Leute kennenlernen konnte. Und die küssen nämlich alle ungefähr wie du, so das ist so ein Abwasch, so wie Rockstars. Ich betone, dass ich ja kein Rockstar bin, sondern ein Rockmusiker, das ist noch was anderes.

[F] „Das Fernsehen lügt, nur das Radio spricht wahr“. Das ist ja nicht einfach nur eine Aussage, sondern auch eine grundsätzliche Einstellung.
[A]Ich hatte große Vergnügen, diese Zeile, die ja nun schon eine gewisse Wucht hat, in einen leichten Song wie „Weiter, weiter, weiter“ einzubetten, weil es ja schon mehr als eine Parole ist. Der Teil ist eigentlich ein Fremdkörper in dem Song, aber es ist irgendwie total gut, weil er so eine Überschwänglichkeit hat und ein Statement abgibt, das Radio, dass man sich vielleicht drüber hinwegsetzt, nicht vereinnahmen lässt. Das Fernsehen ist teilweise so lähmend, früher als ich noch einen Fernseher hatte, das war so, als ob man genau diesen einen Burger zu viel bei McDonalds gegessen hat. Völlegefühl. Ein mediales Völlegefühl, dass man sich selbst schämt und ekelt.

[F]Warum ist der Titeltrack „Golden“ als Hiddentrack auf der CD?
[A]Wir waren der Meinung, dass elf Songs auf die Platte müssen. Alle guten Platten haben elf Songs, ich weiß gar nicht ob das stimmt. Und dann fingen wir an mit „Hi“, und ich wollte es am Anfang gar nicht als erstes auf der Platte haben, das wäre furchtbar und dann auch noch „gerne gehen“ als letztes. Und genauso ist es dann aber passiert, was aber auch wieder für die Songs und deren Schlüssigkeit spricht. Denn wenn ein Song nicht nur „Hi“ heißt, sondern sich auch so anfühlt, dann muss man ihn auch am Anfang machen. Und wir mögen den Song „Golden“ total gerne, aber er passte von der Dramaturgie überhaupt nicht rein. Und dann kam alles zusammen und wir waren bei elf und „gerne gehen“, und dann hatten wir noch was übrig. Mein ehemaliger CUCUMBER MEN-Trommler Heiko, der heute mein Grafiker ist, meinte: „Lass uns das Album „Golden“ nennen, ich will was mit Gold machen.“ Und dann meinte Stefan mein Produzent: Wie, eine Platte „golden“ nennen aber „golden“ ist nicht drauf?“ Und dann: „Ja, wäre das nicht total lässig, den Titeltrack als Hiddentrack zu machen?“ Wir waren der Meinung, dass das eine total verwegene Idee ist und haben es gemacht. Er passte nicht in die Songs rein. Erst dachte ich ok, fliegt „gerne gehen“ raus, dann wäre aber Marvin, mein Trommler durchgedreht, weil es einer seiner Lieblingssongs ist, dann ok, halt „auch die Wahrheit“, dann wäre aber Peter durchgedreht, weil das sein Lieblingssong ist, und so kam es dann zum Hiddentrack…

[F]Und was würdest du jetzt sagen, wenn ich dir sage, dass ich das Lied bisher vielleicht dreimal gehört habe, nicht weil ich es nicht mag, sondern weil ich Hiddentracks total doof finde, weil man immer ewig Stille hat oder dahin skippen muss?
[A]Dann würde ich dir sagen, dass ich das voll gut verstehen kann. Hiddentracks sind total nervig. Aber beim Mastern meinte Chris, es dürfe nicht zu nah dran sein, weil es sonst wäre wie ein gutes Konzert, wo man einen Song zu viel spielt. Es sollte aber auch nicht so nach 20 Minuten kommen, wo man schon eingeschlafen ist. Auf der „Hi“-EP ist es aber auch als kompletter Song mit drauf.

[F]Woher nimmst du eigentlich diesen Optimismus zu sagen „die Zukunft, die scheint golden“?
[A]Es ist eigentlich eine Vermutung. Vielleicht sollte es auch zu einer Self-fullfilling-prophecy werden. Es gibt Menschen, das hab ich glaube ich schon mal in einem Interview gesagt, die morgens aufwachen und ihr erster Gedanke ist „Scheiße“. Ich gehöre zum Glück zu den Menschen, die nicht so eine Einstellung haben. Um jetzt mal ein wenig spießig und bodenständig zu werden, das Glas ist bei mir immer halbvoll. Ich vertrau einfach darauf. Es ist einer Aussage, die mir näher liegt als zu sagen: „Alles Scheiße, alles Dreck, eine Bombe alles weg“.

[F]Wo kam denn dieser literarische Erguss her?
[A]Das ist eine Zeile der Pinneberger Punkband PARKBANKTERROR, die fanden wir immer ganz gut. Ich ahne, dass ich eher Optimist bin. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass nicht immer alles toll ist und alles toll sein wird. Ich habe aber dieses Gefühl in mir, dass die Zukunft gut wird, und da ich das Wort „golden“ lieber singen mag als „gut“, ist da dann halt „golden“ draus geworden. Aber ich bin auch kein Scheuklappen-Typ, der nicht wahrhaben will, dass schlechte Dinge passieren.

[F]“Es geht um diese kleinen Details, die dich immer wieder umhauen“. Welche Band hat dich in den letzten Monaten umgehauen?
[A]Tja, da muss ich jetzt wohl leider sagen, dass ich im letzten halben Jahr keine Platten gekauft habe… im letzten Jahr vielleicht auch.

[F]Na dann hast du aber ja einiges verpasst….
[A]Erzähl mal, was hab ich denn verpasst?

[F]Ich würde sagen, die neue PALE-CD „Brother, Sister, Bores!“
[A]Das hab ich schon von vielen gehört, dass die sehr gut sein soll. Ich werde sofort mal auf deren MySpace-Seite surfen und mir was anhören. Das sind Deutsche nicht? Das hätte ich nicht gedacht. Ich weiß gar nicht, ob das anderen Musikern auch so geht, aber bei mir ist schon so viel Musik drin, ich komme gar nicht dazu, andere Sachen bewusst zu hören.