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Hendrik Otremba: Kachelbads Erbe (Roman)

Ich habe Hendrik Otremba unterschätzt. Ich dachte, er wäre bloß ein Sänger einer ziemlich guten deutschen Postpunk-Band, der einen auffallend dicken und vermutlich interessanten Roman geschrieben hat. Ich dachte, nur weil ich ein paar Vinyl seiner Band MESSER im Regal stehen und die Band im Pressespiegel verfolgt habe, wäre ich qualifiziert, eine Rezension zu „Kachelbads Erbe“ zu schreiben. Ohne Otrembas ersten Roman zu kennen, ohne mich zuvor tiefgehend mit seiner Kunst beschäftigt zu haben. Wie unangenehm.

Mein alter Kumpel Wolfram sagte vor Jahren: Das ausschlaggebende Kriterium zur Unterscheidung mäßiger Bücher von guten Büchern sei, wie die Frage „Was will der Autor mir sagen?“ beantwortet werden könne. Bleibe die Botschaft der Geschichte nicht genügend bedeutend, werde sie bald Geschichte sein. Ich neige dazu ihm beizupflichten.
Auch wenn ich kein Germanist bin, kein Sprach- oder Literaturwissenschaftler – ich habe eine Meinung über dieses Buch. Als Leser und meinethalben auch als popkulturell interessierter Leser. „Kachelbads Erbe“ ist sehr bedeutend.

Der Autor (Jg. 1984) hat eine Botschaft und verknüpft diese in etlichen Querverweisen zwischen Texten, Musik und bildender Kunst. Ein komplexer Kosmos mit wiederkehrenden Themen eröffnet sich – das müsste mal jemand wissenschaftlich erforschen. Oder ist das überinterpretiert? Schauen wir hin:
Im Musik-Video MESSERs „Der Mann, der zweimal lebte“ ist eine Schreibmaschine an prominenter Stelle in einer minimalistischen Altbauwohnung zu sehen. Als Leser des Buches kommen unweigerlich Assoziationen zur Wohnung des Protagonisten H.G. Kachelbad. Ist dies Kachelbads Schreibmaschine, die ihm so wichtig ist? Ist er vielleicht auch der Typ auf dem „Im Schwindel“-Cover, gemalt von Hendrik Otremba? Ziert das „Unsichtbar“-Cover vielleicht sogar Amelia Morales, eine der Figuren im Roman?

Bei so vielen Fragen, bei so viel Unsicherheit und Komplexität habe ich Kontakt aufgenommen und nachgefragt. Nach einigem sehr freundlichen Hin und Her gab Hendrik unter anderem diese spannenden Auskünfte:

Wieviel Konzept steckt in deiner Kunst im Themenspektrum „Kachelbad und die Unsichtbaren“?
Hendrik:
Ich würde eher sagen, dass die Unsichtbarkeit ein Motiv ist, das mich längerfristig beschäftigt, also die Frage: Welche Menschen werden gesehen, wahrgenommen, können mit Hilfe rechnen oder überhaupt mit einer Stimme, die sie wahrnimmt – und wer wird einfach übersehen und verschwindet aus der Geschichte? Wenn ich überlege, wie viele anonyme Massengräber gefunden werden und dabei niemand weiß, wer diese Menschen waren oder wie sie zu Tode kamen, macht mir das große Angst. Welche Verbrechen werden gar nicht bemerkt? Und wessen Verschwinden wurde noch bewusst ignoriert, nicht zur Kenntnis oder sogar einfach hingenommen, von dem wir nicht wissen? Mir geht es da sowohl um Genozide, die im Verborgenen ablaufen, als auch das Leid des Einzelnen, hinter vorgezogenen Gardinen im urbanen Raum. Also ganz konkret die Frage: Wer wird übersehen? Was wird übersehen? Das fing auf „Die Unsichtbaren“ von MESSER an, wo ich den Opfern des NSU eine Widmung geschrieben habe, und setzt sich eben jetzt fort in „Kachelbads Erbe“, wo es eine stärkere Fiktionalisierung gibt, um diesen Topos zu bearbeiten. Mich erschüttert bei all dem Leid, von dem man schon weiß, die Frage, wieviel Schrecken auf der Welt, den Menschen erfahren, einfach im Verborgenen bleibt. Diese Unsichtbaren gilt es zu finden, um sie sichtbar zu machen, denn nur so kann man ihnen helfen. Ich folge da also keinem Konzept, sondern einem Drang.

Hiernach war ich zugegebenermaßen perplex, tappte ich doch in meiner spröden Interpretation ziemlich im Dunkeln. Für mich waren einige Texte „lediglich“ düstere Zustandsbeschreibungen zwischen Wut, Angst und Hoffnung schwankend, juvenil energiegeladen, interessant im künstlerischen Crossover vernetzt. Die politische Dimension habe ich übersehen – sie war mir unsichtbar. „Kachelbads Erbe“ wird vermutlich das erste Buch in meinem Leben sein, dass ich zweimal lesen werden. Geschickt entwickelt sich die Geschichte um den Protagonisten H.G. Kachelbad. Die Suchscheinwerfer des Lesers beleuchten nach und nach ein Szenario, das im Los Angeles der 1980er Jahre spielt. Eine Kleinst-Firma ist darauf spezialisiert, Menschen nach ihrem Tode einzufrieren. Kryonik, nennt man das. Die Plots zu etwa einem Dutzend Menschen lassen den Leser aus unterschiedlichen Perspektiven das Verfahren selbst, die Gründe warum man sich dafür entscheidet und Spekulationen, wie diese Menschen zueinander stehen oder übereinander denken, erfahren. Im Zentrum der Geschichte steht H.G. Kachelbad, ein etwas mysteriöser deutscher Auswanderer und geheimnisvoller Schriftsteller. Und hier ist sie, die politische Dimension auf Ebene des Alltäglichen: den Figuren widerfährt Leid. Der Leser nimmt Teil an den Gedanken und Gefühlen und leidet mit. Der Leser ist live dabei, wenn in Tschernobyl die Kernschmelze beginnt. Der Leser teilt die Gedanken eines vietnamesischen Auftragskillers und einer in der Jugend zwangsprostituierten Folksängerin die im „Nebel“ und (Drogen)Sumpf verschwindet. Die „kalten Mieter“, also die in Stickstoff zwischengelagerten Kunden der Kryonik Firma „Exit U.S.“, verbindet allesamt das Prinzip Hoffnung. Das soziale Handeln der Menschen und Mitmenschen wird beobachtet, beschrieben und gedeutet. Es stellt sich die Frage: in welcher oder was für einer Welt wollen wir leben?

Beiläufig erfährt der Leser, wie man die Unsichtbarkeit erlernen kann – und das so selbstverständlich, dass man selbst in Versuchung gerät, es auszuprobieren. Es würde mich nicht wundern, wenn Otremba auch Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ (1938-47) oder Hermann Brochs „Die unbekannte Größe“ (1933) als Folien für diese Reflexionen verwendet haben sollte. Reine Spekulation. Durch den Einsatz unterschiedlicher Perspektiven, die der Leser aus der Darstellung der Beobachtungen der einzelnen Protagonisten erhält, ist das Buch erkenntnistheoretischer Art, konkret: konstruktivistisch angelegt. Lediglich der aufmerksame Leser wird nach und nach zum mehrperspektivisch Wissenden.
Wer jetzt denkt, das Buch wäre nur schwer zu lesen, irrt. „Kachelbads Erbe“ nimmt den Leser in den verschiedenen Erzählsträngen wie selbstverständlich mit, teilweise liest sich das über 400 Seiten starke Buch wie ein turbulenter Thriller.

Hat in der Vergangenheit manch schreibender Musiker wenig bedeutende Romanen produziert, ertappe ich mich beim Gedanken: ist Otremba ein noch viel bedeutenderer Schriftsteller als Musiker? – Aber das greift natürlich zu kurz, ist die Musik der Band MESSER ebenso wichtig wie speziell, und es bedarf keiner Rangfolge der Wichtigkeit der Künste im Kosmos „Unsichtbarkeit“.
Aber, wie macht er das eigentlich, der junge Autor, Musiker und Maler? Also, Frage an Hendrik:

Wie können wir uns den schöpferischen Prozess des Outputs an Bildern, Geschichten, Texten und Musik vorstellen?
Hendrik:
Das kommt eben. Wichtig ist nur, offen zu bleiben, sich nicht festzulegen und zu sagen: Heute schreibe ich einen Songtext, oder: heute male ich ein Bild. Ich muss da offen bleiben. Es gibt eigentlich nur beim Schreiben der Romane richtig feste Phasen, in denen ich strukturiert arbeite und einen Überblick gewinne, was ich etwa wann schaffen will. Alles andere kommt so sporadisch raus – oder eben nicht. Das ist auch gut so, die Sachen sollen ja nicht in Konkurrenz zueinander treten. Schreiben ist eigentlich auch das einzig Verlässliche, deshalb ist es mir vielleicht so wichtig geworden. Da ist jetzt immer etwas, dauernd und um mich herum, das mein Leben bestimmt. Fast schon ist das wie eine Einstellung oder Haltung.

Wir dürfen also gespannt sein, wie es weiter geht. Und wir brauchen, so wie es auf der tollen Fanpage „Skyeyeliner“ für BLUMFELD möglich war, ein Archiv mit MESSER-Texten, samt Querverweisen und Zitatnachweisen.

Denn welcher gemeine Romanleser stößt schon auf die Rückseite der MESSER-LP „Die Unsichtbaren“ (übrigens, produziert von Tobias Levin) und findet diese Widmung: „Den Unsichtbaren, die keiner sieht, deren Leid nicht interessiert, deren Schmerz im Verbogenen bleibt (…)“. Und wie ist der Bezug zu BLUMFELDs „Mein System kennt keine Grenzen“ (hier „Meine Wut kennt keine Grenzen“) im Song „Lügen“ (2016) zu verstehen? Ist der Bass-Sound auf der ersten MESSER-LP nicht alleine schon ein BLUMFELD-Zitat?

Wir dürfen uns glücklich schätzen: Berlin hat viele Künstlerinnen und Künstler, aber dieser junge Künstler ist ein sehr großer Schreiber und Moralistiker. „Kachelbads Erbe“ ist, meines Erachtens, nichts anderes als ein Werk eines Meisters.

Hendrik Otremba: „Kachelbads Erbe“ (Verlag Hoffmann und Campe, VÖ: 05.08.2019)

Zur Verlosung geht es hier.

Und hier geht es noch zu einem alten Interview mit Hendrik.

Jo Rößmann

Weiß nichts, kann aber alles erklären.