WARPAINT – 22.05.2022, Fabrik (Hamburg)

 
Zuletzt waren Konzerte nicht gerade gut besucht. Das kann man gutheißen, da es vielleicht auf eine gewisse Vorsicht der Zuschauer hindeutet. Schließlich ist Corona noch nicht vorbei, und ob es so sinnvoll ist, parallel dazu die Maskenpflicht bei den Konzerten auszusetzen, kann man durchaus kritisch hinterfragen. Zugleich führt es aber auch dazu, dass Bands einzelne Konzerte absagen mussten (zuletzt beispielsweise TURBOSTAAT in Luxemburg und BODI BILL in Münster), weil sich die entstehenden Kosten nicht mal ansatzweise decken ließen. Das ist durchaus schade, wenn man bedenkt, dass die Bands in den letzten zwei Jahren zusehen mussten, wie sie über die Runden kommen. Auch bei VILLAGERS in der Fabrik war vor kurzem vergleichsweise wenig los, doch das heutige Konzert von WARPAINT an gleicher Stelle war bestens besucht. Leider wurde tatsächlich nur von etwa jedem zehnten Besucher eine Maske getragen. Insofern kann ich die oben beschriebene Zurückhaltung der abwartenden Fans durchaus nachvollziehen.

Doch kommen wir zum Konzert. Supportet wurden WARPAINT von LOW HUM aus Neuseeland. Beim kurzen Reinhören in ihre Single „Comatose“ schubladisierte ich die Band als seichten Indiepop. Doch was ich auf der Bühne sah, erinnerte mich eher an Bands wie LOVE 666 aus Washington, D.C., die Mitte der Neunziger für ziemlich lauten Krach mit einer Menge Distortion sorgten. Hatte ich also eine falsche Band angeklickt? Etwa als dritter Song folgte „Comatose“ – also doch kein Fehlklick, stattdessen aber der Beleg, dass LOW HUM eine enorme musikalische Bandbreite bedienen. Zwischen Shoegaze, Noise Rock, Industrial und softem Elektropop kam alles vor, und das Publikum dankte der Band diese Vielseitigkeit mit frenetischem Applaus.

Eine gute halbe Stunde später betraten dann WARPAINT die Bühne. Die Band, die kürzlich erst ihr viertes Album veröffentlicht hat, das in der Presse durchweg gut ankam. „Album der Woche“ bei byte.fm, ein Gastbeitrag bei „ttt“, sogar die Welt bezeichnete die eher seichte R’n’B-Nummer „Stevie“ als „Song des Sommers“. Dazu Umschreibungen wie „ein Album wie eine wärmende Umarmung“ oder „Es fühlt sich an wie ein Eintauchen in warmes Wasser“. Zugleich wurde aber auch immer wieder die eigene, unverkennbare Stilistik betont, die sie gefunden haben. Dabei war es zunächst gar nicht so klar, ob den vier Musikerinnen das gelingen würde, gingen ihre Lebenswege doch musikalisch (durch diverse Nebenprojekte), spirituell und geografisch ziemlich weit auseinander, hinzu kamen noch komplett veränderte Lebensumstände durch die Geburt von Emilys erstem Baby. So schrieb man letztendlich an vier verschiedenen Orten an den Songs, tauschte die Ideen digital aus und schuf am Ende eben doch ein sehr gefühlvolles, einnehmendes Album. Darauf hatte das Publikum Lust, und die wohlige Gemeinsamkeit auf der Bühne übertrug sich 1:1 auf das Publikum. Eröffnet wurde der Abend mit dem MAZZY STAR-haften Opener „Stars“ , und es folgte ein Abend mit melodisch fein austarierten Songs, wobei alle vier Musikerinnen auch gesanglich dazu beitrugen. „We love you“ hallte es zwischendurch aus dem Publikum, „We love you, too“ war die Antwort von der Bühne. Dabei deckte das Set ihr gesamtes musikalisches Schaffen aus ihrer mittlerweile 18jährigen Bandgeschichte ab, wobei der Großteil aus ihrem aktuellen Album und der zweiten unbetitelten Platte bestand, die ihnen international den Durchbruch bescherte. In der Zugabe gab es mit „I’m so tired“ sogar einen Coversong von FUGAZI, bevor nach etwa anderthalb Stunden mit „Send nudes“ der letzte Song erklang. Das letzte Mal hatte ich WARPAINT auf dem Dockville Festival 2014 gesehen. So bleibt die Hoffnung, dass das nächste Konzert in Hamburg nicht wieder ganz so lange auf sich warten lässt.