MIKE DOUGHTY – SOUL COUGHING und die Zeit danach

Die erste Hälfte seiner 15 Minuten Ruhm hatte MIKE DOUGHTY in den 90ern, als er zusammen mit seiner Band SOUL COUGHING diverse Male stramm durch die Charts marschierte. Die Quittung für den Fitzel Fame: Streitigkeiten und Drogenprobleme, die Doughty in den Abgrund rissen. Nach und nach kämpfte sich der US-Singer-Songwriter wieder ans Tageslicht, veröffentlichte mit „Skittish“ ein zum Stein-Erweichen schönes Akustik-Album und ist nun mit seiner aktuellen Platte „Introduction“ auf Tour durch Europa. Die zweite Hälfte der 15 Minuten Ruhm. Ich durfte mit dem Mann, dessen Songs schon „Grey’s Anatomy“ verschönerten, vor seiner Show im Duisburger Steinbruch sprechen.

[F] Wie war die Tour bis jetzt?
[A] Wir sind ja erst seit drei Tagen unterwegs, darum kann ich dazu eigentlich gar nichts sagen. Obwohl… doch: Es waren drei sehr gute Tage!

[F] Wie reagiert das europäische Publikum auf dich und deine Musik? Wie ist das Feedback?
[A] Eigentlich ist die Show heute Abend in Duisburg die erste, bei der Leute kommen, um ausschließlich uns zu sehen. Die beiden anderen Abende haben wir als Support für BOSSE gespielt. Dementsprechend jung war das Publikum. Also nicht wirklich repräsentativ, das Ganze.

[F] Bist du noch aufgeregt vor deinen Shows, speziell denen in Deutschland?
[A] Jaja! Ich bin gespannt!

[F] Du sprichst ja Deutsch!
[A] Nein, nicht wirklich. Ich spreche es nur sehr schlecht. Dabei ist Deutsch so eine schöne Sprache.

[F] Machst du Witze? Das hört man nun wirklich nicht oft. Sonst finden es immer alle doof und unsexy wie wir sprechen.
[A] Machst du jetzt Witze? In New York ist es extrem cool, Deutsch zu können. Ich habe sogar seit drei Jahren einen eigenen Lehrer dafür.

[F] Wow. Na gut, zurück zum Thema. In der Pressenotiz zum neuen Album sagtest du, dass es an der Zeit für Veränderungen sei. Was hat sich also verändert und worin besteht der größte Unterschied zwischen deinem letzten Album und dem aktuellen, “Introduction“?
[A] Nach meinem letzten Album “Haughty melodic” bin ich mit einer Band getourt, zusammen mit Scrap, meinem Cellisten und Bassisten, einem Drummer und einem Keyboarder, gerade stehe ich nur mit Scrap auf der Bühne. Ich habe diese Zeit damals sehr genossen, die Zusammenarbeit, die Art, wie die Jungs spielen. Es hat drei Jahre gedauert bis „Haughty melodic“ fertig war, es ging langsam, Schritt für Schritt, nach und nach. Und dieses Album jetzt – das waren einfach wir, ein paar Musiker zusammen in einem Raum.

[F] Worum geht es in deinem Album? Gab es Themen, die dich besonders bewegt haben?
[A] Das ist wohl eine der schwierigsten Fragen, die man einem Songwriter stellen kann. Es fühlt sich an, als würde ich meine Songs aus meiner Umgebung, aus der Welt um mich rum sammeln. Ich höre Worte, Dinge, die mich beeindrucken, und schreibe das auf. Ich höre immer zu.

[F] Also sind es die vielzitierten kleinen Dinge des Lebens, die dich inspirieren?
[A] Genau, ich sammle diese kleinen Dinge ein und schreibe sie auf Zettel. Dann setze ich mich hin, breite diese Zettel vor mir aus, arbeite an Akkorden, an Melodien, nehme all diese Dinge und setze sie an die richtige Stelle. So entstehen meine Lieder.

[F] Schreibst du die Songs allein oder zusammen mit deiner Band?
[A] Wenn ich mit einer Band zusammen arbeite, schreiben wir die Arrangements zusammen, aber die Songs schreibe ich.

[F] 2005 wurdest du von ATO Records gesigned, dem Label von Dave Matthews. War das, im Vergleich zu deiner Zeit mit SOUL COUGHING beim Major Warner, dein künstlerischer Befreiungsschlag?
[A] Nein, eigentlich war Warner Brothers immer sehr nett zu uns. Sie haben nicht versucht, uns ein bestimmtes Image oder einen bestimmten Sound aufzudrücken. Ich meine, die Zusammenarbeit mit ATO ist großartig, aber die Zeit bei Warner war auch gut.

[F] Du hast mal gesagt, dass du während deiner Zeit mit SOUL COUGHING schrecklich unglücklich warst… Woran lag das?
[A] Tatsächlich lag es an meiner Band. Sie mochten mich schlicht und einfach nicht.

[F] Aber du hast SOUL COUGHING doch damals gegründet!
[A] Ja. Es klingt verrückt, aber sie dachten, dass ich keine Lieder schreiben kann. Sie haben mir nicht geglaubt, dass ich diese Songs geschrieben habe. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes wahnsinnig, aber ich habe all diese Songs geschrieben und sie haben es mir nicht geglaubt.

[F] Das musst du mir erklären. Haben sie dir vorgeworfen, Melodien, Ideen, oder gar komplette Songs geklaut zu haben?
[A] Ja (lacht). Ähm… nein, eigentlich habe ich ihnen die Musik gezeigt, ihnen beigebracht, wie es geht und dann sagten sie: Wir haben das alles zusammen geschrieben. Das war schon sehr verrückt, ständig mit diesen drei sehr seltsamen Menschen zu tun zu haben. Es war hässlich und hat keinen Spaß gemacht.

[F] Warum hast du die Band nicht schon früher verlassen?
[A] Ich weiß es nicht genau. Ich habe mich einfach nicht fähig gefühlt, die Band zu verlassen. Es war, als wäre ich stecken geblieben. Und so komisch das klingt: Ich habe meiner Band geglaubt, als sie mir sagten, ich sei wertlos. Es hat eine lange Zeit gedauert, bis ich den Mut aufbringen konnte, das alles hinter mir zu lassen.

[F] Eine Zeit lang hattest du große Drogenprobleme, Gras, Pillen, Koks, Heroin, Alkohol. War das ein Thema, mit dem die ganze Band zu kämpfen hatte oder warst du der Einzige, der „abgestürzt“ ist?
[A] Nicht ganz. Ich meine, wir alle haben Drogen genommen, aber ich war der, der damit auf die Fresse geflogen ist, der völlig die Kontrolle verloren hat.

[F] Aber du hast den Absprung geschafft und bist, nachdem du die Band verlassen hattest, mit deinem Akustik-Album „Skittish“ ganz auf dich allein gestellt in klassischer Singer-Songwriter-Tradition durch die USA getourt…
[A] Richtig. Ich fuhr allein durch Amerika und verkaufte auf der Bühne nach den Auftritten meine CDs. Es war ein hartes Leben und trotzdem wunderschön. Ich fühlte mich frei. Das war ein ganz neues Gefühl für mich.

[F] Als du 2005 mit “Skittish” durch die Lande gereist bist, hast du schon “damals” deine Songs als Download ins Netz gestellt. Du erlaubst den Leuten, deine Shows aufzunehmen und sie zum freien Download online zu stellen. Außerdem schreibst du Blogs, veröffentlichst Fotos… Wie wichtig ist das Medium Internet für dich als Künstler?
[A] Es macht mir einfach Spaß. Ich genieße das Internet, und, ja, ich schreibe Blogs. Das aber nicht für das Publikum, sondern für mich. Außerdem habe ich gehört, es sei gut für meine Karriere. (lacht)

[F] Du wirkst auf mich extrem entspannt, zufrieden, und ehrlich gesagt, fällt es mir schwer, mir vorzustellen, wie jemand wie du so völlig die Kontrolle über sein Leben verlieren konnte…
[A] Ich glaube, der Grund, warum ich heute so entspannt sein kann, ist, eben weil ich damals so außer Kontrolle war. Ich musste wieder runterkommen, mich zurückbesinnen. Und du hast recht: Heute bin ich so zufrieden, so glücklich. Die Musik gibt mir Kraft. Die Musik und meine Freunde. Ich musste erst lernen, alles zu genießen, was das Leben mir zu bieten hat.

[F] Sind die alten Dämonen seit damals nie zurück gekehrt?
[A] Die Teufel sind immer da. Aber in meinen Songs kann ich mit ihnen sprechen.

Nachtrag: Ich hätte MIKE DOUGHTY gern gefragt, ob er mich nicht heiraten mag. Das liegt nicht nur an seiner Stimme, die einen sogar beim Sprechen an den Ohren packt und schüttelt bis einem ganz duselig ist vor Glück. Auch nicht an seiner Vorliebe für die deutsche Sprache, die er ganz hervorragend beherrscht. Während des Interviews gab mein Diktiergerät zweimal still und heimlich den Geist auf – ein Skandal, bisher noch nie da gewesen und mir so unangenehm, dass ich gern im Erdboden versunken wäre. Aber anstatt rumzuzicken oder sich über meine vermeintliche Unprofessionalität zu echauffieren, reagierte der blonde Charmebolzen unglaublich cool, liebenswert und – ja – irgendwie mitfühlend. Dafür habe ich MIKE DOUGHTY noch lieber als vorher. Ob er mich heiraten will, habe ich dann aber doch nicht gefragt. Nach dem Diktiergerät-Malheur fehlte mir die Chuzpe. Nicht schlimm. Mach ich dann beim nächsten Mal.

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