Lass mich die Nacht überleben – Christine Westermann im Gespräch mit Jörg Böckem

Die Vorteile der Verspätung! Es soll Abende geben, an denen man sich ärgert, die Vorband verpasst zu haben, aber dann erfolgt ein paar Tage später schon wieder der Ausgleich. Abermals durch Unpünktlichkeit, doch diesmal hat man das Glück, von dem Kassierer, der schon auf Feierabend eingestellt war, durchgewunken zu werden und gleichzeitig 13 Euro zu sparen. Vielen Dank nochmals dafür! Dass die Lesung zu Jörg Böckems Buch „Lass mich die Nacht überleben“ an besagtem Abend stattfinden sollte, erfuhr ich aber auch erst am selben Nachmittag. Schnell fertig gearbeitet, noch ein paar Plakate geklebt und mit verkleisterten Händen auf ins Ernst Deutsch Theater! Ein netter Mensch von der Garderobe geleitete mich zu meinem Platz von dem aus ich der Lesung von Andreas Pietschmann folgte, die bereits begonnen hatte. Andreas Pietschmann dürfte dem ein oder anderen aus dem Theater, diversen Fernsehproduktionen oder Filmen wie „Sonnenallee“ bekannt sein. Heute las er Passagen aus der Autobiographie Böckems, in der er sein Doppelleben als renommierter Kultur/Musik-Journalist auf der einen Seite und Junkie auf der anderen Seite schildert. Als SPIEGEL-Schreiber interviewte er Weltstars wie MARILYN MANSON, IGGY POP und Wim Wenders. Gleichzeitig versuchte er, seine Entzugserscheinungen und die von Spritzen zerstochenen Arme vor Interviewgästen und Vorgesetzten zu verstecken. Mit 14 Jahren fing er an, Drogen zu nehmen. Nach Haschisch folgte LSD, Kokain und schließlich Heroin. Die Sucht begleitete Böckem fast 20 Jahre lang. Seit drei Jahren ist er clean. Doch vorher gab es ein Leben voller Angst, Scham, Selbsthass und dem ständigen Verlangen nach Drogen. Nebenbei erlebte er jedoch auch Momente der Euphorie, der Schwerelosigkeit und des Glücks. Böckem schildert in seinem Buch alles – sowohl die positiven, als auch die negativen Seiten, intime, gar peinliche Details und die Siege und Zusammenbrüche.
Im Anschluss an die Lesung führte Christine Westermann ein Gespräch mit dem Autor. Böckem saß auf dem rechten Rand des Sofas, eher unscheinbar, ein wenig unsicher, im braunen Kapuzenpulli, Jeans und Turnschuh. Er sei nervös, gibt er zu, fühle sich aber ansonsten so gut wie selten zu vor. Grund dafür sei seine letzte, die dritte, Therapie gewesen, in der er den Frieden mit dem Erwachsensein geschlossen habe. Und in der er die drei Schritte der Abstinenz, „nicht dürfen“, „nicht wollen“ und „nicht brauchen“, erfolgreich absolviert habe. Im Gespräch stellt er Parallelen zwischen Drogen, Sex und Intimität her und beschreibt den Entzug als ähnliche Grenzerfahrung wie den Verlust einer Frau. Mittlerweile habe er festgestellt, dass das Schreiben seine Welt ordne. Durch die letzte Therapie habe sich auch das Verhältnis zu seinen Eltern neu definiert. Und so habe er am Ende auch ihr Einverständnis zur Veröffentlichung seines Buches erhalten. Der Titel wurde letztendlich von der SPIEGEL-Redaktion ausgewählt und beschreibt gleichzeitig die Sorge, mit der sich Böckems Mutter jeden Abend ins Bett gelegt habe. Mittlerweile hat sich sein Begehren gewandelt. Neben dem Schreiben und seiner Freundin sei er heute in alltägliche Dinge wie gute Kicker-Spiele, Konzerte und ein richtiges Frühstück verliebt. Und so kann er zwar nicht garantieren, dass er ewig clean bleibt, allerdings hält er es inzwischen für realistisch, da sein Leben heute anderen Regeln folgt als damals.

Wer mehr über die Geschichte Jörg Böckems erfahren möchte, dem sei das Buch, das bei DVA erschienen ist, wärmstens empfohlen. Böckem erzählt präzise, mitreißend, und mit zahlreichen Pointen aus seiner Vergangenheit. Dabei verschließt er die Augen weder vor den Entzugserscheinungen, noch vor den Reizen der Drogen. Des weiteren sind ein Hörbuch und auch die Verfilmung des Buches geplant.