Kurz & schmerzlos (April – Juni 2015) – CD-Besprechungen in aller Kürze

Foto: Timo Neuscheler

Kurz und schmerzlos – scheint der Sommer jedenfalls im Norden schon wieder an uns vorbei gezogen zu sein. Vielleicht aber auch ganz gut so, denn wie zwei News aus der vorletzten Woche zeigten, bekommen uns die tropischen Temperaturen eh nicht besonders gut.
Ich zappte bei dem nach Siesta verlangenden Wetter durchs seichte Abendprogramm. Besser kein Bildungsfernsehen konsumieren, das kann das Gehirn bei doppeltem Ü30 eh nicht besonders gut ab. Deshalb schaute ich Tagesnachrichten von "Hallo Deutschland", die zu 90% davon handelten, wie uns das heiße Wetter im Schwitzkasten hielt.
News 1: Trier. Als die jugendlichen Teilnehmer eines Chorfestivals aus dem angenehm kühlen Dom heraustraten, brachen gleich 30 von ihnen mit einem Hitzekollaps zusammen und wurden in ein Krankenhaus eingeliefert. Die übrigen Chorteilnehmer durften nun nur noch in kleinen Grüppchen aus dem Trierer Dom hervortreten und wurden von Spalier stehenden Feuerwehrmännern mit Feuerwehrschläuchen akklimatisiert. Wasser marsch!
News 2: Hatzenport. Wegen der Überbesetzung eines Regionalexpress nach Koblenz schalteten sich die Antriebe der Bahn wegen Überhitzung automatisch aus. Als Folge dessen musste der Zug evakuiert werden, zehn Passagiere kollabierten und wurden in ein Krankenhaus gebracht. Mit dabei: Teilnehmer des Chorfestivals in Trier.

22LIGHTS – "Gold” (Label: Timezone, VÖ 06.03.2015)
(so) Hmpf. Bei 22 muss man ja sofort an PISTEPIRKKO denken… Fängt musikalisch gut an, dann kommt der Gesang. Und mit ihm die Frage: "Warum auf Englisch?" Klingt mal wieder nach Grundkurs, 12. Klasse, leider mit stark deutschem Akzent. Vielleicht ist das ja Absicht, für mich macht es diese an sich durchaus akzeptable Rock-Elektro-Mischung ziemlich ungenießbar. Für 3 Punkte aus Deutschland reicht es für Österreich dennoch. (3)
http://www.facebook.com/22lights

AY WING – "Out of your head” (Label: Sibling Records, VÖ 24.04.2015)
(so) Leicht verstrahlt schauen Alex und Ralph alias AY WING in die Kamera. Und leicht verstrahlt wirkt auch die Musik auf ihrem Debüt. Die Schweizer kämpfen ihre Schlacht zwischen Trip-Hop, Blues und R&B. Dabei sind sie mal sehr entspannt, mal sehr druckvoll, immer aber auf der Höhe der Zeit. Moderne Popmusik mit dem Hang zum Rebellischen, Seltsamen, Ungewohnten. Interessant. (6)
http://www.facebook.com/aywingmusic

BAD FOR LAZARUS – "Life´s a carnival – Bang! Bang! Bang!” (Label: 1234records, VÖ Feb.2015)
(so) Ordentliches Rockalbum im Fahrwasser der PIXIES mit wuchtigen Punkeinflüssen. Macht Spaß und Lärm und somit zwei der Dinge, die musikbegeisterte Menschen um die 20 schätzen. Kann aber auch etwas gelassener, laid back klingen. Was allerdings ob der stets verzerrten Gitarren nur in Teilen gelingt. Irgendwie gut und irgendwie nichtssagend. Dennoch ein passables Rockalbum im Fahrwasser… ach, das hatten wir ja schon. (5,5)
http://www.facebook.com/BadforLazarus

BIG JOHN BATES – "From the bestiary to the leathering room” (Label: Rookie Records, VÖ 24.04.2015)
(jg) BIG JOHN BATES zählt mittlerweile zu den alten Eisen und so sei es ihm vergönnt, dass seine mittlerweile neunte Platte auch alles andere als neu klingt. Vielmehr begibt sich John Bates im Gesangsduett mit Brandy Bones in die 40er/50er Jahre, als Country noch den Outlaws vorbehalten war. Dem Ganzen wurde ein Hauch Rockabilly und THE CRAMPS beigemischt, nicht selten erinnert mich Brandy Bones´ Gesang auch an die alten Sachen von PJ HARVEY. Aufgenommen wurde stilecht in BATES´ eigenem Hausboot. (6)
http://www.facebook.com/bigjohnbates

DEERHOOF – "La Isla Bonita” (Label: Altin Village & Mine Records, VÖ 04.11.2014)
(jg) Faszinierend! Wie lange gibt es DEERHOOF nun schon? Seit 21 Jahren! Und wenn die Band aus San Francisco irgendetwas nicht verlernt hat, dann ist das, zeitgenössische Musik zu schreiben. An der stilistischen Einordnung sind schon ganze Generationen gescheitert. Für den Mainstream zu schräg und für die Sparten Noise, Avantgarde und Postcore dann doch zu eingängig. Wie heißt es so schön im Info? "Deerhoof was the only band that sounded like Deerhoof." Daran hat sich auch nach 21 Jahren nichts geändert und wahrscheinlich ist es genau diese Gratwanderung, die DEERHOOF auch heute noch immer so spannend macht. (7,5)
http://www.facebook.com/Deerhoof

HIMMEL – "A long cold winter” (Label: LGD Records, VÖ 24.04.2015)
(so) Ein Bandname, der Weite verspricht, Musik, die eher Langeweile erzeugt. Zu sphärisch, zu getragen und leider auch zu gewollt kommen HIMMEL daher. Ein bisschen Chill-Out, ein bisschen Elektropop und ganz viele Flächen, die nur selten wirklich gefüllt werden. Ja, man kann das respektvoll zurückhaltend nennen. Oder eben langweilig. JEAN MICHEL JARRE revisited. Braucht man das 2015? Wohl eher nicht. Zumindest nicht viele. (3)
http://www.facebook.com/himmeldream

JUNE COCÓ – "The road” (Label: Kick The Flame, VÖ 29.05.2015)
(jg) JUNE COCÓ kommt aus Leipzig und möchte nicht als chansonträllerndes Cowgirl abgestempelt werden, sondern lieber mit der eleganten JULIETTE GRÉCO und JOHNNY CASH verglichen werden. Oder mit NINA SIMONE und TOM WAITS. Vielleicht heißt JUNE COCÓ im wahren Leben Jenny, möchte mit ihrer Musik jedenfalls ernst genommen werden. Immerhin hat sie es zuletzt auf die ganz großen Bühnen geschafft (MDR um 4, Fête de la Musique, ZDF Morgenmagazin, RBB Sommergarten). Ich kann jedoch auch die andere Sichtweise nachvollziehen. (3)
http://www.facebook.com/junecocomusic

KRÄLFE – s/t (Label: Tumbleweed Records, VÖ 05.06.2015)
(jg) Minimal-Noise-Rock-Duo (Schlagzeug, Bass) aus Hamburg, jetzt Berlin. Klingt
verdammt nach DYSE, oder? Vielleicht kommt der Vergleich live hin (minus Gesang), aber auf dem mir vorliegenden Album, wo bewusst auf Overdubs, Schnitte und Mastering
verzichtet wurde, klingen sie ziemlich kraftlos. Wie sehr man mittlerweile doch
an Kompression gewöhnt ist… Und das Songwriting kommt qualitativ und spielerisch leider auch nicht ganz an das Duo heran, mit dem KRÄLFE sicherlich noch häufiger verglichen werden. (2)
http://www.facebook.com/pages/Kraelfe/414201455434252

LISERSTILLE – "Emperical ghost” (Label: G-Records, VÖ 24.04.2015)
(jg)Wie klingt es, wenn Modern Metal auf Kunst trifft? Schätzungsweise ungefähr wie LISERSTILLE aus Dänemark. Könnte man vielleicht auch zur musikalischen Untermalung von digitalen Rollenspielen nutzen. Songlängen von fünf bis zwölf Minuten sind keine Seltenheit, und "Emperical ghost" hört man definitiv an, das hier eine Menge Arbeit drin steckt und die Dänen ihre Musik sehr ernst nehmen. Sonst wäre man für die Aufnahmen wahrscheinlich auch nicht nach Seattle zu Randall Dunn (EARTH, SUNN O)))) gereist. Aber wer mit Metal und Prog-Rock in der Kombination mit Pathos nicht so viel anfangen kann, guckt beim Hören dieses Albums nun mal in die Röhre. (2,5)
http://www.facebook.com/LISERSTILLE

LOS TINITOZ – "Majestät" (Label: ES&L Entertainment, VÖ 24.07.2015)
(bc) Punkrock, Pop-Rock und eine Akustik-Ballade haben LOS TINITOZ auf ihrem inzwischen vierten Album "Majestät" im Angebot. Doch abgesehen davon, dass die Band aus Cuxhaven ohrenscheinlich einen ziemlich fitten Lead-Gitarristen in ihren Reihen hat, kann mich das Gesamtergebnis leider nicht überzeugen. Zu durchschnittlich das Songwriting, zu lapidar die Texte. Dafür, dass sich die CD trotzdem verkauft, soll offenbar die spärlich bekleidete junge Dame auf dem Cover sorgen. Tricky… (3,5)
http://www.facebook.com/loz.tinitoz

MAKE THE GIRL DANCE – "Extraball” (Label: Roy Music, VÖ 15.05.2015)
(jg) In "Die Zunge Europas” beschreibt Heinz Strunk sehr zutreffend eine Nacht auf dem Hamburger Berg, wo paarungswillige Menschen nach dem anderen Geschlecht Ausschau halten. Die Frauen entsprechen in seinem Roman den "Hockern" während sich die Männer als Gaffer und bereits prophylaktisch als Tanzmuffel outen. Für sie gilt definitiv nicht die Parole "Make the girl dance" – und wenn doch, dann eben nur, um sie zu begaffen. Aber mit dem mal zuckersüßen, mal plätschernden, mal treibenden Elektro-Pop der beiden Franzosen könnten viele Kiezgänger wohl eh nichts anfangen. Erinnert mich an eine Mischung aus MR. OIZO, DAFT PUNK und STEREO TOTAL. (3,5)
http://www.facebook.com/makethegirldancetheband

MAX & LAURA BRAUN – "Highwire Haywire” (Label: Add On Music, VÖ 20.03.2015)
(so) "Highwire Haywire" ist ein Album für die ganz ruhigen Stunden. Oder eines, das dich nach einem nicht so guten Tag wieder beruhigt und aufbaut. Sehr leise, sehr zurückhaltend, dabei dennoch fesselnd und interessant. Man entdeckt Ecken und Kanten, Töne und Flächen, muss sich nur die Zeit nehmen, diese auch finden zu wollen. Die Geschwister MAX & LAURA BRAUN haben hier keine Kunst fürs eben mal so Hören geschaffen, sie verlangen eine Menge von ihren Hörern. Aber sie bieten ihnen auch viel. Wenn man ihnen die Zeit und die Chance gibt. (7)
http://www.facebook.com/maxandlaurabraun

MICHAEL PRICE – "Entanglement" (Label: Erased Tapes, VÖ 17.04.2015)
(bc) Auch wenn es schwer ist, die Musik des britischen Filmkomponisten MICHAEL PRICE in Worte zu fassen – er zeigt zumindest auf, wie klassische Musik im 21. Jahrhundert klingen kann. Mit Klavier, Streichinstrumenten und ein wenig moderner Technik werden auf "Entanglement" verträumte Klanglandschaften aufgebaut, die bei fachunkundigen Hörern wie mir auf eine seltsame Art Erinnerungen an den früheren Musikunterricht wecken, als man angestrengt dem Stück "Die Moldau" lauschen musste. Vielleicht sollte man meinem damaligen Musiklehrer diese CD einmal vorspielen. Mich würde seine Meinung dazu ernsthaft interessieren… (5)
http://www.facebook.com/michaelpricemusic

NIGHTSLUG – "Loathe" (Label: Lost Pilgrims Records, VÖ 25.06.2015)
(bc) Meine Fresse, was ist denn das hier für eine Abrissbirne?! NIGHTSLUT kommen aus Düsseldorf und wälzen hier einen unglaublich schwer verdaulichen Brocken aus Doom und Hardcore vor sich her, der trotz seiner Schwerfälligkeit eine unglaubliche Energie versprüht. Sollte man allerdings nicht hören, wenn man gerade Migräne hat… (5)
http://www.facebook.com/nightslug

PETE AT THE STARCLUB – "Error” (Label: Eigenregie, VÖ 24.06.2015)
(jg) Eines muss man der Hamburger Indie-Formation PETE AT THE STARCLUB lassen:
richtig vergleichen lässt sich ihr Indie-Rock auf Anhieb nicht. Die Huldigung an den fünften BEATLE Pete Best gilt insofern zwar als Referenz, da auch PETE AT THE STARCLUB nicht gerade mit zuckersüßen Melodien geizen. Musikalisch geht es aber eher in Richtung Indie/Emo, an manchen Stellen kommen mir Bands wie ONE MAN AND HIS DROID (falls die noch jemand kennt), ELLIOTT oder LASSARD in den Sinn. Einziges Manko: manchmal etwas zu gefällig. (6,5)
http://www.facebook.com/pages/Pete-At-The-Starclub/116829165140244

RYAN HOLIDAY – "Selfish bruises" (Label: Gertrud Tonträger, VÖ 03.07.2015)
(bc) Bei RYAN HOLIDAY handelt es sich dem Vernehmen nach um einen regelrechten Veteranen der New York- und Philadelphia-Musikszene. Trotzdem (oder gerade angesichts dessen) muss die Frage erlaubt sein, weshalb jemand mit einem entsprechenden Erfahrungsschatz ein dermaßen unspektakuläres Album aufnimmt. "Selfish bruises" mit seinen trägen minimalistischen Ambient-Sounds zu hören, ist in etwa so, wie wenn man einen Goldfisch beim Im-Kreis-Schwimmen beobachtet: Nach wenigen Minuten verliert es seinen Reiz, weil einfach nichts Neues passiert. Schade. (3)
http://www.facebook.com/ryanhollidaymusic

STEINAR AADNEKVAM – "Freedoms tree" (Label: Losen Records, VÖ 24.04.2015)
(jg) Ist Jazz wirklich eine Musikrichtung für ältere Generationen? Jedenfalls für mich kann ich da nicht widersprechen, da das Interesse daran erst in den letzten Jahren immer mehr wuchs und das Elbjazz inzwischen einen festen Eintrag in meinem Termin-Kalender hat. Wobei mich dort allzu moderate Sachen etwa genauso wenig interessieren wie die wildesten Free-Jazz-Verrenkungen. Deshalb bin ich auch bei dem Ausnahme-Gitarristen STEINAR AADNEKVAM hin- und hergerissen. Sein technisches Können geht zweifelsfrei als virtuos durch, und auch seine zahlreichen Gastmusiker an den begleitenden Instrumenten stehen ihm in nichts nach. Dass AADNEKVAMs Musik trotzdem sehr zugänglich ist, ist zunächst einmal positiv zu vermerken. Aber songwriterisch fesselt mich die Musik des Norwegers am Ende leider doch nicht. (6,5)
http://www.facebook.com/people/Steinar-Aadnekvam/683705840

THE GREAT FAULTS – "Trust me" (Label: Supermusic, VÖ 05.06.2015)
(bc) Kennern der Indie-Szene sind THE GREAT FAULTS wahrscheinlich bereits ein Begriff. Mit ihrem auf Schlagzeug, Gitarre und Gesang reduzierten Sound treten sie in die Fußstapfen von Bands wie THE BLACK KEYS und legen auf "Trust me" eine gute Ladung Blues-geschwängerten Garagen-Rock vor. Dabei lassen sie es allerdings oftmals ziemlich gemächlich angehen, wodurch sich das Album eher fürs stille Kämmerlein als für die Tanzfläche aufdrängt. Man muss halt in der richtigen Stimmung sein. (6)
http://www.facebook.com/thegreatfaultsmusic