Kurz & schmerzlos (Juli – September 2010) – CD-Besprechungen in aller Kürze

In diesem Quartal war ich also wieder dran, die Einleitung zu unserer „Kurz & schmerzlos“ Rubrik zu verfassen. Das Problem: null Ideen. Also mal die Suchmaschine anschmeißen. Und siehe da: wusstet Ihr zum Beispiel, dass der erste abendfüllende Spielfilm von Fatih Akin „Kurz & schmerzlos“ heißt? Gut auch zu erfahren, dass 16.000 private SMS vom Diensthandy für 2500 Euro nicht zwingend eine fristlose Kündigung rechtfertigen. Da sollte der Arbeitgeber mal nicht allzu kleinlich sein oder aber zumindest früher einschreiten.
User „Casi“ lässt uns in seinem Blog kurz und schmerzlos drei Dinge wissen, die ihm unter den Nägeln brennen: Erstens ärgert er sich, dass Trigema-Inhaber Wolfgang Grupp nichts vom Internet hält, zweitens ärgert er sich, dass Schwalbe Fahrradläden wegen Urheberrechtsverletzungen abmahnen lässt und drittens ärgert er sich über eine Spammail von girlzs.de. Ich hingegen freue mich, dass es Blogs gibt – da kann der Adressat, dem das Leid geklagt wird, bei Desinteresse auch nach zwei Zeilen aufhören weiterzulesen.
Kurz und schmerzlos war außerdem die Scheidung von Madonna und Guy Ritchie, die letzte Landtagskonstituierung in Nordrhein-Westfalen, die Schachpartie zwischen Thomas Meltz und Manfred Herbold und der Elfmeter von Manni Kaltz im Landesmeisterpokal-Halbfinale zwischen dem HSV und Real Madrid, 1980.
Gar nicht kurz und schmerzlos sind hingegen Wurzelkanalbehandlungen, so manche Geburt, das neue Album von JIMMY EAT WORLD oder Nicht-k.o.-Kämpfe wie zwischen Vitali Klitschko und Shannon Briggs.
Die Kurzreviews…

BEEHOOVER – „Concrete catalyst” (Label: Exile On Mainstream, VÖ 03.09.2010)
(jg) Mischung aus Post-, Noise- und vor allem Stoner Rock. Eingespielt nur mit Bass und Schlagzeug., was zunächst einmal gar nicht auffällt. Wie auch bei den Vorgängern habe ich Probleme mit dem Gesang und der Metal-Schiene, die allzu häufig bedient wird. Aber daneben gibt es auch gute Momente, die mich mitunter sogar an meine Lieblinge KAM:AS erinnern. Ein Album, das ich mir erst noch zurechtschnibbeln müsste. (5)
http://www.myspace.com/beehoover

CALEYA – „These waves will carry us home” (Label: Midsummer Records, VÖ 10.09.2010)
(jg) Bis vor kurzem habe ich CALEYA immer mit NUCULAR verwechselt – bis mir auffiel, dass sie sich den Gitarristen teilen. Doch musikalisch geht es hier etwas anders zu. Die Songs fallen wesentlich düsterer und Groove-betonter aus, dafür weniger punkig. Mit sechs, bzw. sieben Songs (auf CD) zwar ein recht kurzes Album, aber viel länger erträgt ein gesunder Mensch den massiven Sound auch nicht. Wer aber BREACH und CULT OF LUNA hört, wird auch CALEYA mögen. (6,5)
http://www.myspace.com/caleyaband

CONSTANTS – „If tomorrow the war” (Label: Maky My Day, VÖ 13.08.2010)
(jg) Was für eine Weiterentwicklung! Waren die CONSTANTS aus Boston bisher vor allem aufgrund ihrer Wall of Sound, die gern an Bands wie ISIS oder ihre Labelkollegen JUNIUS und CASPIAN erinnert, berüchtigt, haben sie auf ihrem neuen Werk eine bisher offene Baustelle komplett ausgebessert: den Gesang. Der steht nun den meisten Emo-Pop-Bands in nichts nach und genau diese Mixtur zeichnet „If tomorrow the war“ aus. (7,5)
http://www.myspace.com/constants

DATENSTAU – „Gift EP“ (Eigenvertrieb)
(bc) Hinter dem Namen DATENSTAU verbirgt sich eine Band aus Süddeutschland, die entgegen ersten Vermutungen keinen Deutschpunk spielt, sondern melodischen Punkrock mit englischen Texten fabriziert. Und somit ist der Name dieser EP auch nicht als toxisches Gemisch zu deuten, sondern vielmehr als Geschenk – die vier Songs kann man sich nämlich komplett kostenlos auf der Bandhomepage runterladen. Die Band bietet nichts bahnbrechend Neues, spielt aber einen soliden Punkrock-Stiefel mit ein paar coolen Gitarrenmelodien und engagierten Texten runter. Am Besten gefällt mir übrigens der Song „Tonight“, hat irgendwie etwas von FAR FROM FINISHED. Wie gesagt, anhören kost nix. Download unter: http://www.datenstau.net (6)

DWEEZIL ZAPPA – „Return of the son of…“ (Label: Ear Music / Edel, VÖ 09.07.2010)
(jg) Lässt der Albumtitel noch Fragen offen? Live-Gitarren-Gefrickel des Zappa-Sohns zwischen Blues, Hardrock und Psychedelic mit minutenlangen Soli – und das auf zwei CDs! Fans werden mir sicherlich Unverständnis oder Neid vorwerfen, weil ich meine Gitarre nicht ansatzweise so gut spielen kann wie Klein-Zappa. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich die Musik fürchterlich finde. (1)
http://www.myspace.com/dweezilzappa

GHINZU – „Mirror mirror“ (Label: Pias Recordings, VÖ 20.08.2010)
(mm) Die Band GHINZU aus Belgien versucht den Spagat zwischen Noise-Rock und schnödem Pop. Mit dieser Mischung haben sie es bislang auf viele Alben geschafft, und nicht nur das, denn sie steuerten sogar zu einigen Filmen den ein oder anderen Song bei, zum Beispiel für das Punk-Drama „Ex Drummer“. Der Sound ist im Großen und Ganzen sehr interessant, doch leider ist es mehr Pop als Noise. Dabei aber immer sehr experimentell und eingängig, nett aber auch nicht besonders innovativ. (6)
http://www.myspace.com/ghinzu

GLYDER – „Yesterday, today and tomorrow“ (Label: Steamhammer / SPV, VÖ 23.04.2010)
(bc) Oh, ein neues THIN LIZZY-Album! Ach nein, doch nicht. Klingt nur so. GLYDER stammen jedoch ebenfalls aus Irland und klingen zum verwechseln ähnlich. Klassischer Hardrock mit jaulenden Gitarren und allem Pipapo. Da stellt sich glatt die Frage, ob das Ganze noch als Huldigung durchgeht oder schon als Abklatsch gilt. Doch das sollen lieber die eingefleischten THIN LIZZY-Fans beurteilen. „Whiskey in the jar“ covern GLYDER im Gegensatz zu ihren Vorbildern aber zum Glück nicht. Noch nicht. (4)
http://www.myspace.com/glyder

HAWKWIND – „Blood of the earth“ (Label: Eastworld Recordings, VÖ 27.08.2010)
(jg) Folgende Story liegt viele, viele Jahre zurück. Ich hatte soeben KYUSS für mich entdeckt, Internet gab es noch nicht, meine Lektüre war der Metal Hammer und Markus Kavka einer ihrer Autoren mit ähnlichem Musikgeschmack wie ich. Also Brief an ihn, welche Bands in die gleiche Richtung gehen und tatsächlich antwortete er mir wenige Zeit später. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, weiß aber, dass er u.a. HAWKWIND als Einfluss nannte. Zum Glück habe ich sie nie gehört. Einfallsloser Space-Rock, den ich noch nerviger finde als die „25 Tab“ von MONSTER MAGNET.(1)
http://www.myspace.com/hawkwindofficial

HYPNOS 69 – „Legacy“ (Label: Elektrohasch Schallplatten, VÖ 03.09.2010)
(bc) Willkommen in der Zeitmaschine! HYPNOS 69 katapultieren dich direkt zurück in die späten 60er Jahre, in eine Welt aus Hippiekommunen, Blumenketten und LSD. Auf „Legacy“ gibt es angejazzten Psychedelic-Rock mit leichtem Stoner Rock-Touch, der sich in der heimischen Plattensammlung zwischen PINK FLOYD und DEEP PURPLE bestimmt sauwohl fühlt. Sieben Songs in über 70 Minuten sind zwar ´ne Menge Holz, aber wer auf diesen Sound steht, sollte sich die Zeit nehmen, denn diese Band aus Belgien brennt geradezu vor Spielfreude und macht ihre Sache wirklich gut. (6)
http://www.myspace.com/hypnos69

INDICATOR – „Drowning of culture“ (Label: Antstreet Records, VÖ 13.08.2010)
(bc) Die Lorbeeren, mit denen Bands in den Promo-Scheiben geschmückt werden, klingen auch immer abenteuerlicher: INDICATOR etwa wurden von HEAVEN SHALL BURN einst zum „Myspace featured artist“ vorgeschlagen. Na dann mal herzlichen Glückwunsch. Und man ahnt schon, wohin die Reise geht: Zwischen Metalcore und modernem Metal lassen sich die acht Songs dieses Albums ansiedeln, wobei besonders das Stück „Swarm of fear“ mit dem gelungenen Einsatz einer Gastsängerin hervorsticht. Ansonsten kann ich mit diesem Album allerdings nicht allzu viel anfangen, was weniger an den Qualitäten der Band, sondern vielmehr an meinem abweichenden Musikgeschmack liegt. (4,5)
http://www.myspace.com/indicatormusic

MENFOLK – „Beast one / Man nil“ (Label: Play/Rec, VÖ 01.10.2010)
(mm) Es ist sehr erfreulich, dass sich der musikalische Stil von MENFOLK die letzten fünf Jahre nicht verändert hat. Außer dass sie sich jetzt noch mehr nach SHELLAC oder BIG BLACK anhören. Wirklich verblüffend ist es, dass sich die Stimme des MENFOLK-Sängers genau wie die von Steve Albini anhört und dazu dann noch die beiden brachialen Bässe, das ist einfach genial. Für Noise-Rock Fans ein echter Leckerbissen mit Gänsehaut-Effekt. (7,5)
http://www.myspace.com/menfolk

MY SLEEPING KARMA – „Tri“ (Label: Elektrohasch Schallplatten, VÖ 14.07.2010)
(bc) Ich muss gestehen, dass mir bereits der Vorgänger „Staya“ überhaupt nicht gefallen hat. Und viel verändert haben MY SLEEPING KARMA auf „Tri“ leider nicht: Ihr instrumentaler Psychedelic-Rock wummert so esoterisch vor sich hin, dass man zwangsläufig in Lethargie verfällt. Da muss man schon höllisches Kraut rauchen, um dem etwas abgewinnen zu können. Obwohl, als Einschlafhilfe wirkt dieses Album mit Sicherheit besser als jede „Die drei ???“-Kassette! (2)
http://www.myspace.com/sleepingkarma

NEUME – „Inch“ (Label: Blunoise, VÖ 28.05.2010)
(bc) Das Info kündigt dieses Album bereits als „Riffmonster” an. Und Tatsache: Hier gibt es die volle Breitseite Noise-Rock, bei der aufgrund der fetten Gitarre beim oberflächlichen Hinhören noch nicht einmal auffällt, dass die Band lediglich aus zwei Leuten besteht und komplett ohne Bassisten auskommt. Hier wird dermaßen gelärmt, gegrooved und gerockt, dass Fans von KYUSS oder den MELVINS mit Sicherheit ein feuchtes Höschen kriegen. Und wenn dann noch ein Song auf den Namen „Weltuntergangsmachine“ hört, bleiben wohl keine Fragen offen… (6)
http://www.myspace.com/neumeband

ORANGE FROM VENUS – „Homegrown in Garageland“ (Label: Fooly Records)
(bc) Die Nürnberger ORANGE FROM VENUS haben sich bereits 1989 als Psychedelic-Rock-Band gegründet, schrumpften im Laufe der Zeit zu einem Trio zusammen und modifizierten in dem Zuge auch gleich ihren Sound. So bezeichnen sie ihre Musik mittlerweile lieber als „Psychoindiebeatboogieglamhardorangerock“, was eigentlich recht zutreffend wäre, aufgrund seiner Länge aber nur bedingt dafür prädestiniert erscheint, in den allgemeinen Musikersprachgebrauch Einzug zu halten. Auf jeden Fall hört man „Homegrown in garageland“ überhaupt nicht an, dass das Album aus dieser Dekade kommt. Die Produktion klingt ebenso wie die warmen Fuzzgitarren sehr nach der Zeit, als auch Männer gerne Blumen im Haar getragen haben. Retro-Fans dürfen sich also freuen! Die Livekonzerte der Band werden übrigens mit einer eigens abgestimmten Show aus Film- und Diaprojektionen unterstützt. Keine Ahnung, was dort gezeigt wird, aber ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass ORANGE FROM VENUS dort die Zeitreise perfekt machen. (5)
http://www.orange-from-venus.de/

TENDING TO HUEY – „Beteigeuze“ (Label: Eigenregie, VÖ out now)
(jg) Das gefällt mir. Wenn eine Band ohne Label im Rücken daher kommt, aber eine Eigenständigkeit aufweist, die ihresgleichen sucht. Dieses Trio aus Würzburg irgendwo einzuordnen, fällt wahnsinnig schwer. Gängige Strukturen werden möglichst vermieden, das drückt sich auch in der Besetzung aus: zweimal Schlagzeug, ein Bass und zahlreiche weitere Instrumente von Klavier bis Horn über Synthies und Bariton. Aber trotz aller Raffinesse liest sich das Ergebnis sehr flüssig, ja sogar poppig. Als grobe Idee sei Weilheim und Hausmusik mit auf den Weg gegeben. Toll! (7,5)
http://www.myspace.com/tendingtohuey

TRAILER PARK SEX – „Now or fucking never“ (Eigenvertrieb)
(bc) Irgendwie eine seltsame EP, die uns hier erreicht hat. Bereits die Bandbesetzung wirft Fragezeichen auf: Laut Bandinfo besteht dieses Projekt nur aus zwei Personen, allerdings werden in den CD-Credits vier Leute genannt, wobei das Foto im Booklet wiederum nur ein Duo zeigt. Dann die Musik: Metal-Gitarren und Shouts wechseln sich mit ruhigeren Alternative Rock-Momenten ab, die im bereits erwähnten Info versprochenen Jazz-Einflüsse (!) kann ich dagegen nicht ausmachen. Textlich erinnern TRAILER PARK SEX dagegen eher an eine klassische Hardcore-Band: Irgendwo zwischen Gesellschaftskritik und gesunder Fuck Off-Attitüde, dazu passt auch die DIY-Haltung, die offen zu Schau gestellt wird. Ihr merkt schon, ich kann diese CD weder wirklich einordnen, noch fallen mir adäquate Vergleiche zu anderen Bands ein. Freunde von progressivem Geballer sollten sich aber unbedingt mal auf die folgende MySpace-Seite verirren, denn irgendwie macht die Musik der beiden (oder sind es nun doch vier?) Hamburger Spaß: http://www.myspace.com/trailerparksex (6)