DANIEL BENJAMIN – Was Klappeulen mit Liebe zu tun haben

Die Klappeule. Ein Wort, und jeder Musikenthusiast weiß sofort: die Rede ist von der heiß begehrten Erstauflage des Debüts von DANIEL BENJAMIN. Wer ein Exemplar besitzt, kann sich glücklich schätzen. Allen anderen bleibt nur die kostenintensive Variante, sich in einschlägigen Online-Auktionshäusern umzuschauen, um an das Liebhaber- und Sammlerstück zu kommen.
Na gut, das war jetzt nur eine kühne Zukunftsvision. Zumindest das Potenzial ist jedoch ohrenmerklich vorhanden, warum also nicht? Da wir aber noch ganz am Anfang der Geschichte stehen, sei hier noch mal erwähnt, was es mit besagter Klappeule auf sich hat. DANIEL BENJAMIN, ein schlaksiger Indie-Bilderbuch-Typ mit Singer/Songwriter-Einschlag und Hang zu zartem Folk-Pop aus Stuttgart, hat die Erstauflage seines selbstbetitelten Debütalbums mal eben in monatelanger Heimarbeit selbst gebastelt. Das bedeutet immerhin 2000 blaue Klappcover ausschneiden, falten und zusammenkleben. Der Clou, wenn man die Hülle aufklappt, kommt einem eine urige braune Pappeule aus der Mitte entgegen geploppt, umrahmt von einem nächtlichen Tannenwald. Das ist noch DIY in seiner ursprünglichsten Form und nicht nur bloßes Mittel zur plakativen Authentizitätssteigerung. Dass dieser Bastel-Fetisch aber durchaus pragmatische Gründe hatte, erklärt der 27-jährige folgendermaßen: „Ich dachte mir, dass es für mich theoretisch billiger wäre, die Hüllen einfach selber zu basteln, da ich die CDs damals noch selbst raus gebracht habe. Das hat bei einer kleinen Auflage auch Sinn gemacht. Jetzt wäre der Zeitaufwand natürlich einfach utopisch, nur um da Geld zu sparen. Außerdem war es auch die Rechtfertigung zahlreicher gemütlicher Fernsehabende. Wenn ich öfter in der Woche Filme schaue, komme ich mir schon ein bisschen faul vor, und so ist man immerhin noch produktiv nebenbei.“ Und noch bevor ich den Gedanken anbringen kann, wirft Daniels Ehefrau Eleni ein: „In erster Linie wollten wir einfach, dass die Leute, die das kaufen, auch merken, dass da Arbeit hinter steckt und die Musik nicht irgendwo runterladen, sondern eben einen Anreiz haben, die CD zu kaufen.“ Daniel ergänzt noch: „Viele Musiker sehen sich ja auch als Künstler, indem sie die Covergestaltung selber machen. Insofern ist das auch wieder Kunst. Aber letztendlich läuft es natürlich auch auf das Marketing hinaus, weil man eben will, dass die Leute die CD nicht brennen, sondern ihr eigenes Exemplar haben wollen.“ Value for money, mehr Wert fürs Geld.
Mit „damals“, als er seine Musik noch selbst raus brachte, meint er die Zeit, bevor er mit dem sympathischen Haldern Pop-Label die passende Verstärkung gefunden hatte. Eine runde Sache war das, bei der seine überzeugte DIY-Einstellung, von der Musik leben zu können, ob mit oder ohne Plattenfirma, letztendlich den Stein ins Rollen brachte. Letztes Jahr schickte er kurzerhand seine erste EP nach Haldern und landete unter den vier Bands, die ausgesucht wurden, um beim Nachwuchswettbewerb des Haldern-Festivals im plüschig ehrwürdigen Spiegelzelt zu spielen. Aber nicht nur seine Musik blieb bei Stefan Reichmann, dem Chef von Haldern Pop, hängen, sondern auch das wiederum selbst gestaltete liebevolle Artwork der EP, die mit einem aufwendigen Linoldruck veredelt war. So blieb man telefonisch im Kontakt. Daniel nahm schließlich in Eigenregie sein Debüt auf, und Haldern bekundete Interesse. Die Fähigkeit und Bereitschaft, autark zu arbeiten, spielt eine entscheidende Rolle in der Ideologie des Labels, wo zuerst der Künstler von der Musik leben können soll, bevor das Label selbst daran verdient. Was bei anderen Plattenfirmen zu einer traurigen Floskel verkommt, hat bei Haldern Bestand. „Wenn ich bei Haldern das Album rausbringe, kann ich quasi von Anfang an mehr Geld verdienen, als wenn ich das selbst mache, weil man dann ja erst mal ins Minus geht.“ Er fühlt sich also bestens aufgehoben in seiner neuen Labelheimat, so dass ein Wechsel zu einem Major gar nicht in Frage käme. „Ja klar, beim Major kriegst du zwar einen Vorschuss. Aber der reicht dann für ein halbes Jahr, gilt aber am besten eigentlich für die nächsten drei Alben. Ich habe mal bei den Angeboten, die mir vorlagen, nachgefragt. Wann gibt es denn eigentlich wieder Geld? Ab 15.000 verkauften Einheiten, war dann die Antwort. Wenn ich dagegen bei Haldern 2000 verkaufe, kann ich schon gut davon leben.“ Künstlerisch wolle man es ruhig angehen lassen, eine andauernde Zusammenarbeit ist angestrebt.
Vorgesehen war es nicht, aber mehr zufällig hat es sich ergeben, dass DANIEL BENJAMINs Debüt beinahe als Konzeptalbum über Liebe durchgehen könnte. Verwundern tut es ihn dann allerdings doch nicht, denn „dass es am Ende thematisch so eine runde Sache wurde, hat für mich auch wieder Sinn gemacht, da ich schon immer eher in Konzepten denke und über gewisse Themen auch Alben rausbringen will. Es war halt Zufall, dass es jetzt die Liebe war.“ Und weiter: „Das war für mich ein wichtiges Thema, dass ich einfach mal ganz unzynisch – obwohl ich eigentlich der zynischste Mensch bin, den ich kenne – wieder aufgreifen wollte. Einfach mal, egal was die Leute denken, ganz trocken diese Klischees zu singen, die mir aber tatsächlich was bedeuten und schon von Herzen kommen.“ Die erwartete Kritik zu den teilweise (willentlich) recht simplen Texten blieb überraschenderweise aus.
Auch eher Zufall ist, dass gleich mehrere Lieder seinen Glauben thematisieren. Das ist jedoch lediglich ein Aspekt seiner Persönlichkeit, den er nicht überbewertet wissen will. „Sicher singe ich in manchen Liedern über Schöpfung oder den Schöpfer, wobei ich eben finde, dass da viel Liebe drin steckt und mich auch freue, wenn das jemandem auffällt. Aber ich will nun wirklich niemanden irgendeine Meinung aufdrängen.“ Letztendlich mündet also alles wieder im Thema Liebe. Als Teil einer christlichen Musikszene sieht er sich nicht, möchte sich im Gegenteil eher distanzieren, da „die immer sofort jeden beanspruchen, der irgend etwas mit Glauben zu tun hat, auch wenn man sich innerhalb dieser Szene gar nicht bewegt oder bewegen will.“ Sich komplett verweigern bringt jedoch auch nichts, da er einerseits nicht elitär sein möchte und andererseits die Chance sieht, mit teilweise verbohrten Vorurteilen innerhalb der Szene aufzuräumen. „Ich versuche, meine Meinung so zu sagen, dass die Leute etwas mitnehmen können und hoffe, dass sie dann auch mal umdenken.“ Aber viel lieber wäre es ihm, wenn das in absehbarer Zeit überhaupt kein Thema mehr ist. „Jetzt muss ich mich leider noch damit auseinander setzen, aber irgendwann wird es hoffentlich einfach mal akzeptiert. In den USA ist es ja auch so, dass einfach akzeptiert wird, dass Leute wie DENISON WITMER oder SUFJAN STEVENS Christen sind.“ Genau so sehe ich das auch.
Während das Debütalbum mit seinem fragilen Singer/Songwriter Folk-Pop noch bezaubert, lässt das nächste Album nicht mehr lange auf sich warten. Anders soll es werden, aber konkrete Ansätze, was Inhalt und Stil anbelangt, gibt es noch nicht. „Ich hab da schon etwa 100 Lieder in petto. Ich schaue halt, dass die auch wieder thematisch und stilistisch zusammen passen. Wobei ich noch nichts aufgenommen habe. Aber die Lieder, die ich bisher dafür ausgewählt habe, werden auf alle Fälle ein bisschen extremer. Teilweise ruhiger und teilweise experimenteller. Im Nachhinein hab ich festgestellt, dass das aktuelle Album doch sehr glatt durchläuft. Klar gibt es da „Paint a picture“ und „Fountain of gold“, aber die kommen dann wiederum so unerwartet, dass es auch wieder nicht passt. Andererseits ist „Paint a picture“ auch ein Lied, das polarisiert und Meinungen hervorruft, während andere Lieder einfach nur generell gefallen. Das Auf und Ab soll beim nächsten Mal extremer werden. Das möchte ich mehr kultivieren.“ Ob wir dann allerdings wieder Singer/Songwriter-Kleinode erwarten dürfen, ist nicht sicher, denn auf einen einzigen Stil festnageln lassen möchte er sich nicht. „Das ist jetzt nichts, worauf ich mich absolut festlege. Ich würd eher sagen, dass ich mit ein paar Ausnahmen immer noch das mag, was ich schon immer mochte. Den Punk, den ich mit 14 gehört hab, hör ich immer noch gern. Genauso habe ich zum Beispiel auch mit 14 schon Folk aus den 70ern gehört. Mir hat damals einfach schon die Mischung aus Gitarre, Gesang und Streichern gefallen. Ich probier halt Dinge aus und bin im Moment eben hier. Das kann in Zukunft komplett woanders hingehen. Ich versuche, es natürlich verständlich zu halten, dass die Leute da auch mitkommen.“ Übrigens spielt er auch noch in einer anderen Band namens JUMBO JET. Und die machen „eher krachigen Gitarrenrock mit viel Schrägheit und Geschrei“. Soviel dazu.
Nicht nur das Debütalbum und verschiedene EPs wurden in Eigenregie aufgenommen, auch um zahlreiche Möglichkeiten, seine Musik vors Publikum zu bringen, hat er sich selbst gekümmert. Viel rumgekommen ist er schon, „in 13 Ländern, nur Europa allerdings. Das haben wir dann halbwegs selbst organisiert. Teilweise haben wir auch schon Leute gehabt, in Holland und Norwegen zum Beispiel, die das Booking übernommen haben, noch bevor wir eine Plattenfirma hatten.“ Die haben sie ja nun, und im Laufe ihrer scheinbar endlosen Tour durch die kleinen Clubs der Republik, sind sie heute in Göttingen gelandet. Während wir noch im Büro sitzen und über Musik reden, wird aus dem gemütlichen Cafe Kabale ein gemütliches kleines Club-Wohnzimmer. Der halbe Raum wird von den Instrumenten eingenommen, in der anderen Hälfte lümmelt das Publikum entspannt auf dem Fußboden. Wenig später beginnt das Konzert. Normalerweise, wenn Daniel nicht gerade solo auftritt, stehen bis zu fünf Personen auf der Bühne. Heute gibt es aber nur Daniel und Eleni, eine akustische und eine elektrische Gitarre und in der Mitte genau zwischen ihnen aufgereiht ein Keyboard und das, was wohl die Minimalausstattung eines Schlagzeuges darstellt. Und da Reduktion nicht unbedingt den Ausschluss des Maximalen bedeuten muss, werden mitunter alle Instrumente gleichzeitig gespielt. Das kann dann bisweilen recht amüsant anmuten, insbesondere wenn das Mikrofon auch noch ständig abhaut. Da verzeiht man gerne den ein oder anderen schiefen Ton bei so viel artistischem Geschick. Zumal das Publikum selbst so seine Schwierigkeiten hat, den richtigen Takt bzw. Ton zu finden, während es als Beat-Gerüst in die Endlosschleifen der Loop-Maschiene eingespeist wird. Auch ein bemerkenswertes Beispiel, wie man aus begrenzten Möglichkeiten das Beste macht, indem einfach das Publikum als Kollektiv-Instrument eingesetzt wird. Und da hätten wir auch gleich wieder: den Mehrwert. Man ist nicht länger außenstehender Betrachter, sondern wird eben mal Teil der Musik.
Man kommt nicht umhin, diesem sympathischen Schlacks das Klischee von der reinen Liebe abzukaufen. Denn sie steckt in den vielen kleinen Details, der unbedingten Zuversicht und natürlich in der Klappeule. Bleibt am Ende nur ein Problem. Ratlos steht man am Merchandise-Tisch und muss sich entscheiden zwischen der CD-Version mit Klappeule oder dem aufwendigen Doppel-Vinyl mit fünf zusätzlichen Liedern und schlichtem, aber passendem Artwork. Obwohl, eigentlich gibt es da doch gar nichts zu überlegen. Das Sammlerstück muss es natürlich sein. Die Klappeule.

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