7Special – Play these 70 inches until your fingers begin to bleed a bit

Wir freuen uns, als Gastdozenten Herrn Ignatius Balthasar Krawattke vorzustellen, der für blueprint in eine Dekade spannender 7 Inches reinhörte. Hier seine fachkundige Meinung:

KIDS EXPLODE / END OF A YEAR – Split 7“ (Narshardaa): KIDS EXPLODE starten mit dem grandiosen „Yards and miles“. Burner! Der Bass alleine! Sowieso, KIDS EXLODE: mag fast alle Songs von denen. Außer „A crash. Literally“. Und das ist der zweite auf dieser Split. Seltsamer Mitsing-im-Kreistanz-Refrain; Ausflug in good ol’ Schülerband-Years? Man weiß es nicht, wie Heinz Sielmann sagen würde. Auf der anderen Seite wollen END OF A YEAR genauso klingen wie diese ganzen Mid-80s-Dischord-Emocore-Bands. Instrumental bekommen sie es hin, indes gesanglich klingt’s als ob da jemand durch das beliebte Schnur-Dose-Telefon aufgenommen hätte.

KIDS EXPLODE / DIALOGUES – Split 7“ (Rome Plow Records): Die 7“ ist so dick wie der Pfannkuchen, den der seltsame Mann mit dem Glasauge am Neuköllner Hermannplatz verkauft (Typ vergesslicher Batik-Shirt-Hippie mit Hang dazu, alles gut zu finden, was nach Patchouli oder Räucherstäbchen riecht). Und der ist verdammt dick – also, der Pfannkuchen. Mit ’ner ordentlichen Ladung Apfelmus wiegt der circa drei Kilo. Den Vinylkenner und Collector-Nerd interessiert’s ’nen Scheiß, er nennt das Ding Heavy-Single und hebt mit seinem antistatischen Putztuch sämtliche Wollmäuse in näherer Umgebung seines Plattenspielers auf. Ich auch. Dann geht’s los – und zwar mit KIDS EXPLODE und zwei Songs. Schnell ist man wieder so was von down mit dem, was KIDS EXPLODE da zaubern, denn natürlich ist er wieder da, dieser hammermäßige Bass. Wohnte ich in Freiburg, ich würde direkt neben den KIDS-EXPLODE-Proberaum ziehen, die Wände wären dauerhaft in angenehmer Bass-Vibration. Und auch sonst: KIDS EXPLODE-Songs klingen einfach verdammt durchdacht und smart. DIALOGUES suggerieren auf der anderen Seite so etwas wie wirre Soundstrukturen. In Wirklichkeit: Belanglos und tausendmal gehört. Sänger klingt am Anfang, als ob er Jahre in der Gainesville-Gesangsschule verbracht hat. Bekommt dann aber die Kurve. Insgesamt ist die DIALOGUES-Seite in etwa so spannend wie Daumencatchen mit sich selbst spielen. Oder »Ich sehe was, was du nicht siehst« im Dunkeln.

WHAT PRICE, WONDERLAND? / SYN*ERROR – Split 7“ (Unterm Durchschnitt, Thank You Records, Bear Records, Life Is Not Like Dawson’s Creek Records, Old Skool Kids, Emuzah Records): Der Song „Being static“ von der englischen Band WHAT PRICE, WONDERLAND? ist so ziemlich das Beste, was ich in letzter Zeit aus diesem immer unüberschaubaren Indie-Gerüttel-, Post-Hardcore-, Emocore-Feld gehört habe. „Being static“ beginnt klar, mit treibender Instrumentierung, einem genialen Bass, der sich mit einer noch genialeren Gitarre abwechselt. Zur Hälfte bricht der Song aus und zitiert in Highspeed sich selbst. Gesang mehr Schimpfsprech oder wie Chris Leo in rough. Derbe Bombe! „If adventure has a name…“ von der Berliner Band SYN*ERROR fängt ganz interessant mit langem Instrumental-Part an, langweilt mich aber ab dem Zeitpunkt, wo es nach vorne gehen soll. Stimme irgendwo im Hintergrund, was ja nicht schlimm sein muss, doch irgendwie mehr Unterwasserschwamm als Räuberkante.

PARTS & LABOR – „We were here“ / „Skimming stone“ 7“ (Altin Village): Klingen nach New York oder Manchester, großen Brillen mit schwarzem Rahmen und Fensterglas. Und nach Berlin-Mitte-Vernissagen, wo man nicht sein möchte, weil man als Parasit entlarvt wird, obwohl man niemandem was wegtrinkt, weil eh alle Menschen Weißwein trinken. Okay, ganz so schlimm ist es dann doch nicht. Ein bisschen wie CALLA. Würde dennoch eher die zweite CRUMBSUCKERS oder die erste ÄI-TIEM-Platte empfehlen.

RADIO BURROUGHS / PETE THE PIRATE SQUID – Split 7“ (Altin Village Records, Impuremuzik, Tender Brasen, Flames.Waves.Words., My237, Warsaw): RADIO BURROUGHS haben kürzlich ihre erste Langspielplatte veröffentlicht, und die ist echt famos. Höre seit Tagen nicht anderes. Die Songs hier sind schon etwas älter, auch: etwas rauer und kratziger. Haben was, würde aber jemandem, der nur noch zehn Euro übrig hat, eher die LP empfehlen. PETE THE PIRATE SQUID sind musikalisch nicht weit entfernt, gefiel mit auch ganz gut, dennoch nach etwa 90 rounds oder zwei Minuten die Anlage ausgemacht, weil „Germany’s next Topmodel“ anfing. Jetzt find ich das Ding nicht wieder. Hab ich’s verliehen? Erinnere noch, dass ich die Aufmachung mochte: Auf jedem Cover klebt ein anderes Foto, orangefarbenes Vinyl. Yeah!

NORMAN PALM – “Boys don’t cry” / “Girls just wanna have fun” 7“ (Ratio Records): Was soll man noch sagen? Kennt mittlerweile eh jeder. Zwei der besten Coverversionen, die es von den beiden Songs gibt. Dazu schlichtes Design – tricky wie eine Wendejacke. Habe im Anschluss an „Germany’s next Topmodel“ zwei Stunden damit verbracht, das Cover immer wieder umzudrehen. Macht mehr Spaß als Sudoku oder bei Videotext-Votings anrufen (z.B. „Gewinnt Deutschland gegen Liechtenstein? Stimmen Sie jetzt telefonisch ab. Nur 1 Euro pro Anruf“). Das Video zum CYNDI-LAUPER-Cover ist übrigens große Klasse.

ZOOKEEPER – „Trumpets“ / „Snow in Berlin“ 7“ (Altin Village): Damals meinten alle, MINERAL wären so toll wie SUNNY DAY REAL ESTATE, und einige protestierten sogar und schimpften und pöbelten, nein, nein, MINERAL sind noch viel toller. Fand ich überhaupt nicht. Da wurde mir viel zu viel geweint. Sei’s drum, gelegentlich höre ich mir die „Power of failing“ noch an. Ist nicht schlecht, aber eben auch kein Killer. Chris Simpson, ehemals Sänger von MINERAL und GLORIA RECORD, macht nun Country angehauchte Sonntagnachmittagmusik. Das ideale Sounderlebnis funktioniert so: Den Kamin kauft man im Elektrogroßhandel oder auf DVD, die Pfeife leiht man von Opa aus und den Schaukelstuhl schnitzt man sich aus dem hässlichen Ikea-Regal, das seit drei Jahren im Keller steht. Dann Moustache ankleben, Hosenträger übers Karohemd spannen und ein bisschen gut gelaunt in dem neuen Western-Ambiente vor sich hinsummen. Dummerweise ist es erst Mittwoch.

PATTERNS – „People I adore“ 7“ (Ursa Minor Musik, Altin Village): PATTERNS sollen live ’ne Wucht sein. Auf Platte gefallen sie auch, vor allem der erste Song dieser 3-Track-7“. Der heißt „Big hands“, und während wir ihn hören, erklärt mein Teilzeitmitbewohner mir, was es mit der Textzeile „Big hands, I know you’re the one“ vom VIOLENT-FEMMES-Song „Blister in the sun“ auf sich hat, den ich das letzte Mal gehört habe, als ich in der Mittelstufe war, die Doppelstunde Mathe am Freitag ausfiel und mich unser Pausenhof-Indie-Guru an seinem verdammt hässlichen Sony-Walkman lauschen ließ. Ich mag meinen Teilzeitmitbewohner. Also, PATTERNS, insgesamt ganz schön frickelig, würden auch rein instrumental ’ne gute Figur abgeben, Gesang stört aber nicht weiter. Ist sogar stellenweise richtig bombig, auch das mit den zwei Stimmen, besonders in „Definitions“. Ach, und schöne Verpackung.

ADORNO / SYN*ERROR – Split 7“ (Unterm Durchschnitt, Existencia, Old Skool Records, Kids in Misery): Zunächst dachte ich, dass ich die portugiesische Band ADORNO ob ihres Namens eigentlich schon mal wack finden sollte – nach Philosophen benennen, ist in etwa so albern wie sich aus Jux einen Bart „Modell Kevin Kuranyi“ stehen zu lassen, oder auf ’ner Schaumparty Marx’ „Kapital“ vorzulesen, oder auf ’ner Marx-Diskussion Partyschaum ins Publikum zu sprühen. Dann wurde mir von einer weisen Dame gesteckt, dass ADORNO auch ein portugiesisches Wort ist und soviel wie „Dekoration“ bedeutet. Top-Name! Und Top-Anfang auf dieser Split-Single, ADORNO steppen jedenfalls ganz schön derwischartig in die Arena. Dann wird’s richtig düster. Dann recht wild. Dann recht austauschbar. Dann wartet man aufs Ende der Seite. Und weil sonst nichts los ist, liest man auf dem Textblatt Zeilen wie „There is irony in what’s happening around us. Amidst streets of a thousand lies“, und fühlt sich unangenehm an Erstsemester-Flugblätter in der Mensa erinnert. Live kann das deutlich mehr, hab ADORNO jedenfalls mal inner Flora bestaunt und innerlich mit mir selbst Pogo getanzt. Doch auf Platte? Mmmh. Bevor man vor Langeweile der Versuchung erliegt, tatsächlich beim Videotext-Voting zur Liechtenstein-Frage mitzumachen, sollte man die Seite wechseln. Auf Seite B grüßen die Berliner SYN*ERROR, die mir hier viel besser gefallen als auf der Split mit WHAT PRICE WONDERLAND?. Wie der letzte heiße Scheiß klingt das zwar nicht. Doch wer will das schon?

SOLEMN LEAGUE / KIDS EXPLODE – „Kids come across solemn and lost“ (Asymmetrie): Wieder KIDS EXPLODE. Wieder hands up. Dieses Mal aber lohnt auch das Umdrehen der Single. SOLEMN LEAGUE spielen fetzigen, rauen Indiekrams, Sänger hat ’ne super Stimme, kurz vorm Vorneüberkippen, vorne, aber doch irgendwie hinten, und der Song „Turns“ kommt mit ’ner schmissigen Melodiegitarre, dennoch niemals anbiedernd. Artwork auch Bombe. Frage mich die ganze Zeit, ob das Textblatt von der KARATE-Platte „The bed in the ocean“ inspiriert ist, bin aber zu faul aufzustehen und nachzusehen. Egal. Am Hafen und vorm Autoscooter erzählt man sich übrigens, SOLEMN LEAGUE seien ’ne Art Supergroup. Fame of alles, was geht und ging. Oder so. Wären aber auch sonst spitzenmäßig.