ALL THE LUCK IN THE WORLD – Mensch und Technik

Man könnte meinen, dass ALL THE LUCK IN THE WORLD so etwas wie unsere hausinternen Lieblinge sind. Innerhalb von vier Jahren brachten sie es bei blueprint auf zwei Albumreviews, zwei Liveberichte, eine Verlosung und nun bereits das zweite Interview. In der Tat haben die drei jungen Iren, die vor fünf Jahren nach Berlin umgezogen sind, unsere Herzen mit ihrer indiefolkigen Musik sofort für sich gewinnen können. Im November erschien nun mit „How the ash felt“ ihr drittes Album, das musikalisch jedoch einige Veränderungen mit sich bringt. Was hinter der Idee des Autotunings steckt, warum die Coronazeit sie fast zu einer komplett neuen Lebensform geführt hätte und ob man bereits auf ein viertes Album hoffen darf, erfahrt ihr alles in unserem Interview mit Bassist und Keyboarder Ben Connolly.

Hi Ben! Wir hatten 2018 vor Eurem Konzert im Molotow Club in Hamburg ein Interview. Knapp vier Jahre später interviewe ich Euch erneut – diesmal jedoch per Mail. Ihr lebt nach wie vor in Berlin. Was hat sich in der Zwischenzeit in Eurem Leben verändert?
Ah ja, wir haben diese Show sehr genossen. Wir sind damals ziemlich viel getourt, aber seitdem nicht mehr. Im Nachhinein scheint es so, dass unsere Pause im Jahr 2019 nicht die beste Zeit war, angesichts der in zuletzt fehlenden Möglichkeiten, Konzerte zu spielen. Die wahrscheinlich größte Entwicklung in unserem Leben seit unserem letzten Gespräch war das Songwriting, die Produktion und die Veröffentlichung von „How the ash felt“, unserer dritten Platte.

Ich könnte mir vorstellen, dass Ihr andere Erwartungen hattet, als Ihr von Irland nach Berlin gezogen seid. Dann kam COVID-19 und das ganze Leben veränderte sich. Habt Ihr darüber nachgedacht, zurück in Eure Heimat zu ziehen, oder fühlt Ihr Euch in Berlin zu Hause? Wie fühlt sich Corona speziell für euch als Musiker an?
Ja, die Pandemie war in den letzten zwei Jahren definitiv eine störende Kraft. Es ist besonders hart für jeden, der in der Veranstaltungsbranche arbeitet, und wir sind wirklich enttäuscht, dass wir nicht die Gelegenheit hatten, auf Tour zu gehen. Die allgemeine Situation hat dazu geführt, dass wir weniger Zeit zu Hause verbracht haben, was manchmal schwierig war. Die Pandemie hat mich zwar nicht dazu gebracht, zurück nach Irland zu ziehen, aber sie wirft einige große Fragen darüber auf, wo und wie man seine Zeit in einer Zukunft verbringen möchte, in der wir mit einer solchen Ungewissheit leben. Wir hatten zwischendurch überlegt, „off the grid“, also ohne Strom und selbstversorgend in der Natur zu leben. Ein Gedanke, der vielleicht nur halb im Scherz kam.

Man hört bei Euch von Album zu Album kleine Veränderungen. Auf „How the ash feel“ habt Ihr erstmals Electronics hinzugefügt. War das bereits ein langgehegter Plan?
Ja, ich denke, es war eine natürliche Weiterentwicklung für uns, mit elektronischen Elementen zu experimentieren. Wir alle haben ein Interesse an Samplern und Synthies, und wir haben uns entschieden, sie schon früh im kreativen Prozess zu einem Teil unseres Setups zu machen, damit sie unser Songwriting von Anfang an beeinflussen können. Einfache Techniken wie Tonhöhenverschiebung und Tondehnung können wirklich besondere Texturen erzeugen, die uns in letzter Zeit sehr inspiriert haben.

In Eurem letzten Interview habt Ihr berichtet, dass Ihr bis zu 190 Tonspuren für den gesamten Aufnahmeprozess verwendet habt. Habt Ihr diesen Aufwand ein wenig reduziert? Was habt Ihr sonst noch im Studio verändert?
Haha, ja, auf dem vorherigen Album „Landmarks“ waren 190 Multitracks auf einem Track, wenn ich mich recht erinnere. Und das war damals ziemlich typisch, wir haben es mit einigen Songs auf ABA vielleicht etwas übertrieben. Diesmal haben wir es geschafft, die Dinge im Studio etwas einfacher zu halten, und das ist wahrscheinlich eine Sache des Selbstvertrauens und der Reife. Wir wissen, dass die Songs gut sind, und haben gelernt, dass das Überlagern zu vieler Ideen dazu führt, dass der Fokus vom Kern des Songs abgelenkt wird. Wenn man sich zu sehr auf die mikroskopischen Details konzentriert, verliert man leicht den Blick für das große Ganze, und das hatten wir bei der Arbeit an diesen Songs im Hinterkopf.

Ihr habt auch einige Autotunes verwendet. Leider gefällt mir das nicht so gut, weil ich Neils natürliche warme Stimme viel besser finde. Was war Euer Grund, seine Stimme zu modulieren?
Du bist nicht die einzige Person, die so fühlt. Wir wussten, dass nicht jeder ein Fan davon sein würde, aber wir sind unserem Bauchgefühl gefolgt und haben es trotzdem gemacht. Und um es klar zu sagen, wir mögen auch Neils natürlichen Gesang. Bei der Verwendung von Autotune geht es nicht darum, Fehler im Gesang zu korrigieren. Autotune kann so subtil verwendet werden, dass man es nicht einmal bemerkt. Aber wir hatten kein Interesse daran, es auf diese Art einzusetzen. Wir mochten den grenzwertigen Robotercharakter, den es dem Gesang verleihen kann.
Manche Leute mögen die Klangästhetik von Autotune-Modulationen einfach nicht, und in solchen Fällen kann meinerseits wahrscheinlich nicht viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. Es ist am Ende des Tages alles subjektiv. Wir persönlich finden Autotuning-Vocals in mehrfacher Hinsicht interessant. Zum einen mögen wir die Artefakte, die „Hard Tuning“ beim Gesang bewirkt. Wir haben sie verwendet, um in manchen Songs eine bestimmte Atmosphäre zu erschaffen. Der Sound kann etwas Ätherisches und Entrücktes haben, eine besondere Art von Melancholie.
Abgesehen von unserer Musik sagt die breitere und vielfältige Verwendung von Autotune in einer Vielzahl von Genres etwas Tieferes darüber aus, wie Künstler daran interessiert sind, sich in der heutigen Zeit auszudrücken. Was genau, bin ich mir nicht sicher… Aber eine Generation von Künstlern, die den Charakter und die Menschlichkeit ihres Gesangs verändert, scheint ein Beleg dafür zu sein, dass wir uns dabei wohlfühlen, verschiedene Versionen von uns selbst mit Technologie zu simulieren. Ich denke, diese Offenheit, uns selbst und andere in einem entfernten und etwas unwirklichen Kontext zu hören, ist eine interessante Facette des aktuellen Zeitgeists.

Habt Ihr Euer Artwork wieder selbst entworfen?
Ja, es ist eine Sammlung von Skizzen im Zusammenhang mit der Platte, die wir im Laufe einiger Monate gezeichnet haben. Größtenteils Kelvins Arbeit, mit ein wenig Hilfe von Neil und mir.

Nach Eurem ersten Album bei Haldern Pop Recordings habt Ihr dein eigenes Label gegründet. Dort wird auch Euer neues Album veröffentlicht. Also, die richtige Entscheidung, ein eigenes Label zu gründen?
Das ist nicht ganz richtig. Wir haben unser zweites Album eigenständig veröffentlicht, und unser drittes wird bei Humming Records erscheinen. Wir haben zwar kein eigenes Label gegründet, aber es stimmt, dass wir in den letzten Jahren einen ziemlich unabhängigen Weg eingeschlagen haben.

Nach Eurer zweiten Veröffentlichung habt Ihr über alternative Veröffentlichungswege nachgedacht. Was ist aus dieser Überlegung geworden?
Ja, wir haben 2020 eine Partnerschaft mit einem neuen Musikverlag geschlossen.

Letztes Mal habt Ihr Eure Live-Band um zwei Musiker (Peter, Schlagzeug und Hugh, Violine) erweitert. Werden sie Euch wieder auf Tour begleiten? Habt ihr schon Tourpläne für 2022?
Wir würden gerne wieder mit Peter und Hugh spielen. Sie sind sehr talentierte Musiker und gute Freunde von uns. Wahrscheinlich wird unsere Live-Band auf der nächsten Tour etwas anders sein, da wir auch daran interessiert sind, unser Netzwerk von Kollaborateuren zu erweitern, indem wir mit einigen neuen Musikern zusammenarbeiten. Darauf sind wir gespannt.

Als Ihr Euer zweites Album veröffentlicht habt, wurde bereits an neuem Material gearbeitet. Gibt es bereits Pläne für eine vierte Platte?
Wir sind noch am Anfang, aber ja, wir arbeiten bereits an einigen neuen Songs und freuen uns sehr darauf, diese neuen Ideen weiterzuentwickeln.