GISBERT ZU KNYPHAUSEN und DOLLHOUSE – Das Maß aller Dinge

Nachdem ich versucht hatte, den Schlafmangel der letzten Ferientage im Norden der Republik auszugleichen, stieg ich um 19 Uhr vom Fahrrad, um in die Harmonie eingelassen zu werden. Und siehe da, es hat geklappt.
Crossroads heißt die Rockpalast-Veranstaltung. Sprich: hier treffen Bands aufeinander, die mal so gar nichts miteinander zu tun haben. Das ist den Veranstaltern mit DOLLHOUSE und GISBERT ZU KNYPHAUSEN auch eindrucksvoll gelungen.
Ausverkauft. Na, das hat doch schon mal was, oder? Auch, wenn es zunächst bei DOLLHOUSE nicht so aussieht. Das erste was auffällt, ist, es gibt tatsächlich noch Bands, die ihr Logo aufs Schlagzeug drucken, denn genau das tun die vier Schweden. Dem bunt gemischten Publikum aus alternden Rockern und fast noch jungfräulichen Musikfreunden präsentieren sie sich als 70er-Jahre-Combo bis ins kleinste Detail, angefangen bei den einfach fürchterlichen Frisuren und endend bei den schreiend bunten, wie aus einem von Hippies geführten Second-Hand-Shop entwendet erscheinenden Klamotten. Da hat sich jemand bei der Außenwirkung aber mal alle Mühe gegeben. Kein Wunder, wenn man sich selbst als eine der besten Garagen-Bands der Welt bezeichnet. Diese Überheblichkeit legt Sänger Chris Winter (what a name!) auch auf der Bühne an den Tag. Mit fast schon peinlichen Publikumsanimationen (die eher nach „nun klatscht doch mal!“ aussehen), Poserlook und einer völlig deplazierten Weltstarattitüde regt er mich nicht einmal zu einem müden Beifall an. Es wirkt, als erwarte die Band, hier in Bonn komplett abgefeiert zu werden, was aber nicht der Fall ist. Zwar gibt es ein paar Hardcorefans im Publikum, der Rest steht entweder schweigend oder sich unterhaltend vor der Bühne oder lungert an der Bar herum. Richtig voll ist es auch noch nicht.
Die Band kommt musikalisch recht professionell rüber, wirkt eingespielt und bühnenerfahren. Wenn auch langweilig und unspektakulär. Dass es immer noch Menschen gibt, die sich 15 Mal den selben Song anhören können, ist und bleibt mir ein Rätsel. Aufgemotzt wird das Ganze natürlich von den zur Musikrichtung passenden Soli und Gesten, es ist ein Graus. Will ich so etwas? Nein. Nach sechs Songs habe ich genug gehört und verbringe den Rest des DOLLHOUSE-Gigs mit Warten und Rauchen vor der Tür. Hatte auch was, jedenfalls mehr als das Konzert. Und nicht nur mir, nein, vielen, die nach und nach den Saal verließen, waren ähnliche Kommentare zu entlocken, wobei „können die endlich mal aufhören!“ noch die netteste Variante war.
Nun hieß es also abwarten. Doch das Warten sollte sich lohnen. Als dann nämlich gegen kurz vor 21 Uhr, nachdem DOLLHOUSE mit einem RAY CHARLES-Cover tatsächlich doch einmal bei mir punkten konnten, der stets schüchterne GISBERT ZU KNYPHAUSEN, der vom Moderator als „das bestmögliche Ende der Crossroadsreihe“ bezeichnet wurde, auf die Bühne kam, war der Saal brechend voll und die Stimmung phantastisch. Das Publikum wirkte nicht wie das typische „ach, den muss man ja jetzt hören!“-Volk, was mir sehr sympathisch war.
Der Frontmann und seine Band verströmten sofort gute Laune und Spaß, obwohl das bei GISBERTs Texten ja nicht immer so einfach ist mit dem Spaß. Das Konzert auch noch mit „Gespenster“ vom neuen Album „Hurra! Hurra! So nicht.“ zu beginnen, war auch schon eine wahre Meisterleistung. Die Ansagen waren wie immer recht kurz, doch stets freundlich und geprägt von der sympathischen Zurückhaltung GIBERTS ZU KNYPHAUSENs, der anscheinend immer noch nicht ganz begriffen hat, dass er nun langsam in die Kategorie „Rockstar“ einzuordnen ist. Was die Musik und insbesondere die Texte dieses Musikers ausmacht, ist die unglaubliche Authentizität, diese Lebensnähe und dieses Gefühl, dass er eigentlich jeden Song über dich schreibt und dein Leben so viel besser kennt als du selbst. Jedenfalls denke ich das immer wieder, gerade auf Konzerten.
Geboten wurde dem frenetischen Publikum eine angenehme Mixtur der beiden bisher erschienenen Alben, die Songs immer etwas anders arrangiert als auf CD, so gab es meiner Meinung nach die wohl beste „Neues Jahr“-Version aller Zeiten zu hören, das war ja fast schon Lärm, wie dieser Song endete.
GISBERT ZU KNYPHAUSEN spielte ein großartiges Set, getragen von einer wie für ihn geschaffenen Liveband, als Höhepunkte stachen „Kräne“, „Hurra! Hurra! So nicht.“ und „Dreh dich nicht um“ heraus, wobei anzumerken ist, dass es keinen einzigen Abfall in Sachen Intensität und Qualität gab. Selbst die Stimmpausen nutzte GISBERT zum ein oder anderen Witzchen mit dem Publikum, das sich zwischenzeitlich sogar zu so etwas ähnlichem wie einem Pogo vor der Bühne hinreißen ließ, was die Band freundlich lächelnd quittierte. Ein wahres Fest. Als dann die letzten Akkorde von „Spieglein, Spieglein“ verklangen, war man einfach rundum glücklich.
Dieses Glück wurde von einem netten Gespräch und sogar einem Erinnerungsfoto fürs Facebook-Profil abgerundet. Nach solch einem Abend macht selbst ein Spaziergang zum Bonner Hauptbahnhof auf regennasser Straße und in herbstlicher Kälte Spaß.
Vielleicht sollte sich der WDR überlegen, ob er mit Crossroads nicht ganz so unterschiedliche Bands auf die Bühne bringt, denn ich kann mir vorstellen, dass ein Fan von DOLLHOUSE diesen Bericht genau anders herum verfasst hätte. Was aber natürlich auch wieder interessant wäre. Wobei die meisten DOLLHOUSE-Anhänger den Saal wohl eh verlassen haben, bevor die zweite Band zu spielen begann, wahrscheinlich, um in altem Vinyl zu wühlen.
Voll war es dennoch.
GISBERT ZU KNYPHAUSEN bleibt vom Songwriting und von der Livepräsenz zur Zeit das Maß aller Dinge für Musiker, die sich auf deutschsprachigem Terrain bewegen und dort etwas erreichen möchten. Daher: nach Möglichkeit anschauen.

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